Rezo-nanz – 5 Grundgedanken zur Generation

Journalismus alter Schule

Vielleicht wird man sie mal die “19er“ nennen. Oder „Generation Blauer Planet“, kurz: „Gen Blue“. Wegen des Leitthemas Klimawandel und des Leit-Thematisierers Rezo. Wir erleben derzeit wohl die Geburt einer gesellschaftspolitischen Generation. Dieser schillernde Begriff  verdient allerdings ein paar warnende Anmerkungen.

(Behutsam aktualisiert am 30.05.2019)

Die mediale und reale Rezo-nanz ist Ausdruck gesellschaftlicher Unruhe, natürlich nicht deren Ursache. Generationen im politischen Sinne entsprechen sowieso eher einem Mythos als einem messbaren Objekt. Tatsächlich wirksam sind sie aber durchaus.

Das hat mit ihrem radikalen Polarisierungspotenzial zu tun. Man kann sich selbst so gut fühlen und die anderen so schlecht finden. Auf den höchst effektvollen Post eines begabten Bloggers werden Hoffnungstürme gepackt. Die ungelenke Reaktion etablierter Politiker/-innen erzeugt den Eindruck einstürzender Altbauten. Viel Schaum und Wellengang in der Diskurs-Badewanne und da ist sie schon – die Generation.

Derzeit lässt sich jedenfalls noch nicht absehen, ob der blaue Protest wirklich untaugliche Strukturen kreativ zerstört und eine neue Politik anregt. Oder ob dieser aktuelle Konflikt dem destruktiven Systemkampf postdemokratischer Kräfte weiter zuarbeitet. Möglicherweise beides.

Mein Punkt ist ein anderer: Weil ich mich lange intensiv mit der Thematik „Generation“ beschäftigt habe, möchte ich einfach mal auf Möglichkeiten und Grenzen dieses Begriffes hinweisen.

Vorbemerkung

Vor etwa fünf Jahren habe ich ein Forschungsprojekt unter dem Arbeitstitel „Journalistengenerationen im Medienwandel“ begonnen. Mit diesem Projekt habe ich ein Redaktionsschlussproblem – es ist so ein weites und so dynamisches Feld. Andererseits scheint es unfreiwillig richtig gewesen zu sein, bis zum Jahr 2019 zu warten, um diese gesellschaftliche Zuspitzung gerade noch mitzunehmen.

Es ist eine Fallstudie anhand der „Deutschen Journalistenschule München“, die in diesem Jahr 70 Jahre alt wird (Offenlegung: Da war ich selbst auch Schüler.). Die dabei gesammelten konkreten Erkenntnisse müssen erst im akademischen Raum dargestellt werden. Soviel kann ich hier schon sagen: Journalisten/-innen sind in der interessanten Rolle, Beschreiber, Betreiber und Getriebene des gesellschaftlichen Wandels zu sein. Eine performative Profession. Und: Die Grenzen Profis-Publikum werden fließend.

Dies gilt insbesondere für die Alumni einer ziemlich elitären Institution. Insofern lassen sich in diesem Milieu auch Hinweise auf Konfliktpotenziale zwischen der Baby Boomer „Bestimmer-Generation“ und den nachrückenden Jahrgängen identifizieren. Ein Interviewpartner hat dies schön auf den Punkt gehabt: Als digital-affiner Journalist habe er den Eindruck „als ob die Alten auf dem Totenbett noch mal das gesamte Erbe versaufen“. Es ist dieser leicht besorgniserregende „Letztwähler-Frust“.

Bei näherem Hinsehen werden die Dinge komplizierter. „Journalisten/-innen-Generation“ ist beispielsweise nicht gleich „Medien-Generation“, ist nicht gleich „Politische Generation“. Und natürlich ticken auch nicht alle Gleichaltrigen in ähnlicher Lage identisch. Auf die differenzierte Darstellung meiner Gedanken in Dissertationsform wird die Welt noch ein klein wenig warten müssen. Deutlich sollte geworden sein: Einfach zu handhaben ist das Generationen-Konzept nicht.

Warnhinweise

Daher möchte ich hier einige Hinweise listiclen, worauf man achten könnte, um Frustrationen zu vermeiden, die bei Generationsdebatten oft auftreten. Auf detaillierte Referenzierungen verzichte ich dabei.

  1. Der Begriff Generation ist unscharf und wird es bleiben:

Wenn man eine Generation im Sinne etwa der „68er“ wirklich festlegen will, braucht man einen langen Atem bzw. eine lange Beobachtungszeit. Und trotzdem wird das Ergebnis ausfransen. Ähnliches Alter, vergleichbare Lebensphase, geteilte Erfahrungen und verbindende Lebenslage – all das und noch viel mehr spielt eine Rolle. Neben der soziologischen bleibt natürlich die familiale Generation. Oder die Alterskohorte. Somit ist Generation Building work in progress. Believe me.

  1. Die Zugehörigkeit zu einer Generation ist u.a. Ansichtssache.

Generations-Etiketten werden inflationär, ja willkürlich vergeben (eines der originelleren: „Generation ohne Generation“). Denn die Labels entstehen auf zwei Arten: Fremd- und Selbstzuschreibung. Zudem sind die Gründe höchst unterschiedlich und reichen von kommerziellen bis zu ideologischen. Als Minimalanforderung würde ich festhalten: Die Angehörigen einer Generation müssen sich sowohl er- und bekennen als auch öffentlich anerkannt werden.

  1. Die Erklärkraft von Generation(-skonflikten) ist schwer messbar.

Nach den Punkten 1 und 2 dürfte klar sein: Die tiefe Sehnsucht nach Eindeutigkeit erfüllt das Konzept der Generationen nicht. Obwohl es doch sein Potenzial aus der scheinbar glasklaren Abgrenzung bezieht. „Die doofen alten Analogen“ vs. „Die dummen jungen Digitalen“ zum Beispiel. Wer sich tiefer mit dem Konzept Generation auseinandersetzt, der lernt: Es geht in der Regel um die Ablösung der Eliten, also um einen Machtkampf zwischen Inhabern und Anwärtern einflußreicher Positionen. Generation erklärt dabei übrigens nicht alles. Der Umkehrschluss allerdings – Generation erklärt gar nix – den halte ich für genauso falsch.

  1. Generation dient vor allem der Diskussion:

Die Paradoxie des Begriffes Generation, seine eindeutige Uneindeutigkeit, würde ich nicht als Makel, sondern als analytischen Vorteil empfinden. Wir können uns so der gegebenen Widersprüche des Wandels bestens nähern. Gerade das Zusammenspiel von Innovation und Reproduktion erzeugt ja Entwicklung. Ohne subkulturelle Provokation gibt es keinen kein Fortschritt. Und ohne etablierte Kultur keine gemeinsames Basis dafür.

  1. Entscheidend wird es also sein, die Ambivalenz der Generationenbeziehung aushalten.

Wenn sich eine Generation so zu formieren scheint, wie das gerade der Fall ist, dann stellt sie zu Recht den Anspruch, mitreden, mitbestimmen zu können. Dies begründet aber keinesfalls die Anmaßung, in allem recht zu haben. Sobald also die Entdeckung des Verdeckten nicht mehr so aufregend ist und sobald die Selbstverortungen einigermaßen erledigt sind, wird der konstruktive Dialog notwendig sein.

Augenhöhe erreichen zu wollen, ist das Eine – und darum kämpft die nachfolgende Generation derzeit. Die wechelseitigen (Ein-)Blicke auszuhalten, ist nochmal ein anderes. Leider verfangen sich die aktuellen Debatten noch in der Polarisierungsfalle – ein grelles Ausleuchten der Blinden Flecken des Anderen.

Zukunft aushandeln bedeutet aber vor allem: Aushalten  und Gestalten von Ambivalenz zwischen Innovation und Reproduktion.

DAS ist die Aufgabe von Generationen.

 

Deine Meinung ist uns wichtig

*