Das heitere Krisenzentrum

Uferlos (Rodrigo de la Sierra / Horizonte)

Mögen Katastrophen und Krieg in den Köpfen wüten, die Sinne füllen sich in Venedig zunächst mit Duft, Wärme und Schönheit. Obwohl die Biennale kein Krisenthema auslässt und die Stadt selbst genug Probleme hat, schafft sie eine fragile Wohlfühlatmosphäre. Wo anderorts Kunst eskaliert, werden in der Lagune die Ambivalenzen sanft reguliert.

Der Sternjasmin an den Hecken der Giardini Biennale betört wohl noch den größten Grübler. Auch in diesem Kampfjahr. Einen Moment überlege ich, mit wehenden Fahnen zum Attentismus überzulaufen. Zu einer Haltung, die darauf hofft, dass sich die Dinge durch gelassenes Betrachten und ruhiges Abwarten schon zum Positiven verändern werden.

Aber das wäre gerade der komplett falsche Zeitpunkt. Dem Aktivismus gehört die Zukunft, die Gegenwart bestimmt er schon kräftig mit. Das ist überall zu spüren, wo sich Avantgarde – und überhaupt Eliten – bewegen. Wo die die großen Debatten geführt werden, ob in Journalismus, Politik oder Kultur. Ob in Berlin oder Kassel. Oder eben in Venedig, dem schönsten Ort in schlimmsten Zeiten.

Gleich vorweg: Hier schreibt kein Politexperte oder Kunstsachverständiger, sondern ein Teilzeitvenezianer und Beobachter der Medienwirklichkeit. Ich will nur ein paar Randnotizen beisteuern zum Geschehen auf der Weltbühne Biennale. Kontemplationen über Aktivismus und künstlerische Aktion.

Was ich sofort durch meine Metabrille wahrgenommen habe ist:  Die Soziologisierung der Gegenwartskunst schreitet weiter voran und bewegt sich parallel zu einem Megatrend der Medienbranche, nämlich die aktivistisch-moralische Wende im Journalismus. An dieser Stelle im Blog habe ich näher beschrieben, was ich darunter verstehe. Kurz und krumm, geht es um einen Habitus, der die politisch-kommunikative Praxis auf bestimmte Werte verpflichtet, natürliche Lebensgrundlagen und gesellschaftliche Diversität vor allem. Haltungsjournalismus nennen das viele. Aber das ist  ein irreführender Titel. Journalismus, oder Handeln ganz allgemein, ist ohne Haltung nicht möglich. Jedenfalls regiert im aktivistischen Modell nicht länger die Objektivität der Berichterstattung, sondern das Engagement, das Gemeinmachen mit einer guten Sache. Faktenbasiert, versteht sich.

Diese Zielstellung konkurriert mit dem westlich-liberalen Nachkriegsideal friedfertiger, freiheitlicher Prosperität: Verdienen und verdienen lassen. Reden und reden lassen. Leben und leben lassen. Für das Großkrisenzeitalter dieser 20er Jahre scheint das Abwägen vor allem jüngeren Menschen nicht mehr  der richtige Ansatz zu sein. Insofern wird die Stimmung kämpferischer, zwischen Generationen und Nationen, zwischen Geschlechtern und Milieus. Ein alternder weißer Mann (wie der Autor dieser Worte) ist dafür besonders sensitiv.

The Milk of dreams – der surreale Feminismus der Hauptkuratorin Cecilia Alemani zieht einen rosaroten Faden durch das Ausstellungsgeschehen der Biennale 2022. Menschenwesen erscheinen als ergebnisoffene Gebilde, einerseits kompostierbarer Teil einer bedrohten Natur und andererseits als Maschinenteile der durch technisierten Welt. Die meisten künstlerischen Anstrengungen scheinen auf den Punkt politischer Korrektheit zugesteuert. So betritt man(n) immer wieder Räume, deren Botschaften, verpackt in werbendem, belehrendem oder klagendem Sound, einem oft bekannt vorkommen.

Spannend ist das selten, eher aufschlussreich. Aber manchmal dann doch berührend. Zwei Gewinnerinnen des Goldenen Löwen sind da gute Beispiele. Im Guten wie im Nicht-so-Guten. Sonia Boyce gibt im britischen Pavillon schwarzen Künstlerinnen eine Stimme, quasi als Dirigentin ihres Sound-Video-Wand-Projektes mit Namen „Feeling her Way“. Für mich korrekt kalkulierte Glätte. Zeitgeistig, aber preiswürdig? Simone Leigh dagegen zeigt als US-Beitrag mit ihren Skulpturen eine kraftvolle Community schwarzer Frauen. Das hat mich ebenso beeindruckt wie zum Beispiel die Roma-Künstlerin Malgorzata Mirgas-Tas. In ihrer aufwändigen (Kalauer?) Arbeit hat sie Mythologie und Alltag der Roma höchst eindrucksvoll als textilen Bilderbogen auf Wände des polnischen Pavillons gebracht.

So etwas berührt einen mehr als die strenge ästhetische Diät, auf die uns der deutsche Beitrag von Maria Eichhorn in den Giardini setzt. Relocating a Structure. Hier werden Wände und Fundamente des Baus lediglich ein bisschen freigelegt. Wieder mal soll das Distanz zur darin eingelegten Nazi-Architektur schaffen. Immerhin wird das pädagogische Projekt noch um eine verdienstvolle Spurensuche deutscher Verbrechen und des Widerstands in Venedig während der Besatzungszeit ergänzt.

Während sich der deutsche Pavillon also bis auf die Grundmauern geöffnet hat, bleib der russische einfach geschlossen. Dadurch entsteht ein gespenstisch friedlicher Ort. Völliger Verzicht auf Aktivität kann schon recht eindrucksvoll sein.

Ausstellungsstillstand: Russischer Pavillon 2022

Häufig sind die unterschiedlichen Eindrücke aber schwer auszulegen. (Was ich vielleicht auch  nicht immer versuchen sollte.) Wabernd zwischen interpretatorischer Offenheit oder hermetische Unverständlichkeit. Gelegentlich fühlte ich mich sogar beim Selbstgespräch der Künstler/-innen etwas fehl am Platze. Oder genervt – wie vom besessen-apokalyptischen Gedröhne von Marco Fusinato (Australien). Was den Meister vermutlich freuen dürfte. Qualität kommt von Qual. Theoretisch.

Dennoch: Sich treu bleiben bis zur Selbstgenügsamkeit sorgt in Venedig nach meinem Eindruck für zufriedene Gesichter im Kunstbetrieb und im Publikum. Das scheint auf der Kasseler Documenta 15 nicht ganz so gut zu klappen. Obwohl, oder vielleicht weil das Künstlerkollektiv Ruangrupa den aktivistischen Zeitgeist vollends aus der Flasche gelassen hat. Dadurch waren die Documentaristen immerhin, wie Hanno Rautenberg anerkennend in der ZEIT schreibt,  bereits vor der Eröffnung „mit sich selbst im Reinen“.

So einfach ist das mit dem Aktivismus, mit der seminaristischen Projekt- und Prozessorientierung von Kunst wohl doch nicht. Gerade wenn es um  existenzielle Fragen wie den Konflikt um Israel und Palästina geht. Und um die Frage, wo Antisemitismus anfängt oder endet. Allgemein geteilte Werte sind schließlich etwas anderes als verabsolutierte Identitäten.

Zur Erinnerung: Aktivismus wird wird gern mit Sir Karl Popper definiert, nämlich als

Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens1

Wer dann mehr als den Wikipedia-Eintrag liest, erkennt die Skepsis des strengen Logikers all jenen gegenüber, die sich im Besitz gültiger Wahrheiten wähnen. Und diese dann auch mal durchzimmern wollen, zum Beispiel Karl Marx. Das „Elend des Historismus“ eben.

Aber zurück in die Lagune: Wildes auf dem Werftgelände (Arsenale), Kunst im Knast (prigione) oder Plastik im Park (Giardini della marinessa) – Venedig hat sich dieses Jahr besonders gewaltig mit Bedeutung aufgeladen. Dabei weiß man nicht, ob es an der wirren Weltlage liegt oder daran, dass die Stadt endlich nach drei Jahren wieder eine Kunstbiennale ausrichten kann. 1.433 Werke werden allein in der Hauptausstellung gezeigt, hat das Kunstmagazin Monopol ausgerechnet und die Zahl gleich ein bisschen interpretiert:

Würde man jedes Werk fünf Minuten betrachten, müsste man rund 119 Stunden, also knapp fünf Tage, in den Ausstellungsräumen verbringen – ohne Pause.

Natürlich ist es unmöglich, das zu schaffen. So unmöglich wie die Lösung all der hier verhandelten Probleme Herausforderungen erscheint. Doch genau hier liegt der paradoxe Kraftquelle Venedigs: Diese Stadt existiert seit Hunderten von Jahren entgegen jeder Wahrscheinlichkeit. Sie präsentiert sich als Mittelpunkt menschlichen Machbarkeitsstrebens und unbeirrbarer Lösungsorientierung.

Glanz und Elend: Nach der Atempause Covid hängen die Damoklesschwerter noch sichtbarer über der Stadt: Trotz aller Immunisierungsversuche – Durchfahrtsverbot für Kreuzfahrtriesen – ist der Virus Massentourismus in einer Variante zurück. Die Wohnbevölkerung schrumpft weiter und der Ausverkauf der Infrastruktur schreitet voran.

Venezianische Freunde klagen darüber, wie ihnen der Alltag im Detail schikanös erschwert wird, nur um noch eine Ecke mehr touristisch vermarkten zu können. Und seien es die Parkgebühren für das kleine Ausflugsauto auf der Garageninsel. Einer der wenigen heilen Orte der Stadt, die Wohnanlage bei San Pietro di Castello, soll ein Hotel werden. Der übliche Rummel wird die Ruhe eines zauberhaften Platzes zerstören oder das feine abendliche Glockenspiel übertönen. Darauf hat meine journalistischen Referenzsachverständige Petra Reski in ihrem Newsletter aufmerksam gemacht. Gerade ist ihr Venedig-Buch auf Italienisch erschienen. Es trägt den trüben Titel „Venezia, atto finale: Veder morire una cittá“.

Schlussakt? Der Tod von Venedig? Nein, das wäre nicht die Denke der paradoxen venezianische Existenz. Also weiterhin dem Über-Tourismus trotzen, dem Klima, dem Krieg und dem Virus. Auch wenn einem da manchmal die Phantasie fehlt, wie das klappen soll, Haltung hin oder her – eine Stärken dieser Biennale ist ein gewisser optimistisch- mystischer Grundklang. Und dass sie die anmaßende Schöpfungsrolle des Menschen anzweifelt.

Mein Hoffnungsmoment kam von außerhalb des Ausstellungserlebens. Gewissermaßen von oben. Beim Konzert zum Ende des akademischen Jahres in der Kirche San Cassiano legten Chor und Orchester der der Universität Ca‘ Foscari viel Zuversicht in ihre Interpretation von Felix Mendelssohn Bartholdys „Verleih uns Frieden gnädiglich“

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Gut,  wem dieser Schluss zu pastoral ist und zu passiv, dem bleibt immer noch der Sternjasmin in den Giardini. Oder Dostojewsky. Vielleicht ist es am Ende tatsächlich die Schönheit, die uns retten wird. Wenn wir sie wirken lassen.

 

  1. Popper, Karl R. (1974), Das Elend des Historizismus, Tübingen: Mohr

Deine Meinung ist uns wichtig

*