Mediale Erschöpfung – ein Hoffnungsbooster

Einfach mal platt sein (Foto: Shutterstock)

Wenn Sie hier nur reinschauen, weil Sie das Foto niedlich finden, dann ist das auch in Ordnung. Dieser Text wirbt für dosierte Pausen beim Sorgen machen und Tiefschürfen. Als Therapie gegen allgemeine mediale Erschöpfung.

Media Distance – das wäre doch ein Hoffnungsbooster gegen die Nachrichtenlage nach einem grauen Wochenende im November 2021: Bei Corona bedrohliches Omikron und im Ärmelkanal tödliche Migration. Und dann die Russen. Von der Klima-Dauerkrise ganz zu schweigen. Es gäbe so viel zu tun und es ist so wenig erledigt – außer uns selbst.

Tagtäglich empfangen wir reichlich Signale für eine individuelle und kollektive Benommenheit in unserer Kommunikationgsgesellschaft. Wer sich mit dieser medialen Erscheinung näher befasst, macht zunächst eine verblüffende Entdeckung: aktivistische Erschöpfung. Der Begriff ist in Coronazeiten zu einem Statement geworden: Zustand der Öffentlichkeit und  öffentlicher Zustand.

So hat die hochvernetzte Autorin Marina Weisband unlängst ihr Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) publik gemacht. Sie leidet körperlich und psychisch an einer Krankheit, die weder hinreichend erforscht noch ernst genug genommen wird. Möglicherweise sind die Symptome Muskelschwäche und Konzentrationsprobleme die Folgen einer früheren Viren-Erkrankung. Manches spricht dafür, dass Covid-19 folgende da mitspielt. Weisband setzt bewusst auf die heilsame Wirkung von Medien. Um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, aber auch um Trost in de Crowd zu finden.

Um es gleich am Anfang klarzustellen: Eine medizinische Einordnung von Depressionsphänomenen wäre an dieser Stelle nicht seriös, sondern Küchenpsycholgie. Wenn schon, dann geht es in diesem Beitrag sowieso eher um Großküchenpsychologie, nämlich die medialen Aspekte kollektiver Erschöpfung.

Beispiel: Die Schriftstellerin und ZEIT-Kolmunistin Jasmin Schreiber sucht die Öffentlichkleit unter dem Twitter-Handle „Jasmin Schreiber ist erschöpft“. Beispielsweise fragt sie:

Niedergeschlagen oder passiv wirkt die ebenso produktive wie kämpferische Autorin dabei nicht. Eher gereizt. Tatsächlich gibt es einen plausiblen Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Mega-Trend „Große Gereiztzeit“ und den aktuellen Erschöpfungs-Phänomenen. Ähnlich wie Jasmin Schreiber, hat genau vor einem Jahr die Krautreporter-Autorin „für Sinn und Konsum“ Theresa Bäuerlein  ihre Community gefragt: „Macht Euch die Pandemie auch so fertig?“  Sie bekam eine überwältigende Resonanz und schrieb einen lesenswerten Artikel zur „Corona-Erschöpfung“.

Zwar ist das aktivierte Publikum des Online-Magazins KR bestimmt nicht allgemein repräsentativ. Aber es gehört zu jenem medienelitären Milieu, das in diesem Blog deshalb bevorzugt beobachtet wird, weil es selbstsensitiv und bedeutsam für kommunikativen Stimmungen in der Gesellschaft ist. Nachdem die Community also intensiv in sich hineingehorcht hatte, ergab sich folgende Statistik:

Noch ein paar Zahlen: 711 Teilnehmer:innen benutzten 368-mal das Wort „müde“ in ihren Antworten.
„Erschöpfung“ kam 208-mal vor.
Das Wort „antriebslos“ 129-mal.
Und 109-mal „gereizt“.

In der ausführlicheren Darstellung beschreibt Bäuerlein Corona-Erschöpfung in Facetten, die uns allen inzwischen allzu bekannt sein dürften: Isolation, Ohnmachtsgefühle und Kraftlosigkeit zum Beispiel. Wenn alles versucht wurde und gesagt ist, entsteht irgendwann Frustration über die ständige Alarmbereitschaft ohne Perspektive. Und das macht mal persönlich ratlos, mal wütend auf die Anderen. Oft beides.

Zwischendurch etwas Begriffs-Gymnastik: Schöpfen lässt sich auf „schaffen“ zurückführen. „Erschöpft“ beschreibt demnach eine Situation, in der der Mensch etwas geschafft hat, gleichzetig aber auch ziemlich geschafft ist. Im Englischen (exhausted) und z.B. Italienischen (esaurito) gelangen wir etymologisch an das Verb „exhaurire“, also „ausleeren“. Fürs weitere Wohlbefinden ist entscheidend, ob sich der Akku wieder laden lässt. Denn wenn Erschöpfung zum Dauerzustand ohne Hoffnung wird, ist sie chronisch und macht krank.

Was tun, wenn man nicht einfach passiv resignieren will? Wie mit dem eigenen Frust umgehen, wenn die Gereiztheit auf dem Ärger über die anderen basiert? Ganz im Sinne eines konstruktiven Journalismus empfahl die Krautreporterin Bäuerlein vor einem Jahr, dass wir uns aus der Corona-Wutspirale herausdrehen:

Ich weiß, dass er vielleicht naiv klingt, aber manchmal finde ich Naivität gar nicht so schlecht. Also: Wie wäre es, wenn wir einfach netter zueinander wären? Wenn wir in dieser Situation, die wirklich für alle belastend ist, nicht auch noch unnötig aufeinander eindreschen würden?

Zu versuchen, im Kontakt mit Querköpfen- und -denkern „nicht selbst zum Kotzbrocken (zu) werden“, war ein weiser Rat. Genau wie Bäuerleins Tipp, haßgetriebene Plattformen und Debatten zu meiden. Aber eben auch ein naiver. Denn Achtsamkeit belohnt unsere Aufmerksamkeits-Ökonomie nicht, und Abstand zum Destruktiven lässt sie kaum zu. Die wird im digitalvernetzen Zeitalter vor allem von Wut-Teilchenbeschleunigern am Laufen gehalten. Derzeit sucht uns eine hochansteckende Erschöpfungsvariante heim, nämlich der Frust über Impfskeptiker/-innen.

Dan Rather glaubt sogar, dass destruktive Köpfe der Aluhut-Bewegung Erschöpfung als eine Art mentale Waffe einsetzen, um die Gesellschaft zu zersetzen. Der frühere US-TV-Journalist und heutige Kolumnist diagnostiziert „collective mental exhaustion„als mediale Erschöpfung, geboren aus der Steigerungslogik des Digitalen:

Now adding to all of this is the fact that we live in a media landscape where there is no limit to the size of the wave of information you can surf down into the depths of despair. You can doom scroll for hours, finding reasons for why you should be on edge, should give up hope, should be outraged with no seeming outlet to fix the outrage, which is even more cause for outrage. And after hours of this, days on end, well, you probably can see where I’m going. It’s exhausting.

Aber, so Rather, „It’s Okay To Be Exhausted„.  Diese Feststellung allein kann ja schon mal heilsam sein. Ansonsten ist auch sein Rat ebenso simpel wie schwer umzusetzen: Abstand nehmen zu den toxischen Themen. Media distance – bekannt aus unzähligen Digital Detox-Debatten.

Der Beitrag des amerikansichen Top-Journalisten zeigt: Beim Thema kollektive Corona-Erschöfung geht es bei Weitem nicht nur um die Befindlichkeit einer elitären deutschen Blase. Sondern um ein globales Phänomen. Das ist mir im Sommer klargeworden. Und zwar in Venedig, wo einem ja vieles deutlicher vor Augen tritt als anderso, weil diese Stadt die Welt-Themen-Bühne ist. Eine Nachbarin, Frau aus dem Stadtvolke meiner zweiten Heimat, beschrieb die venezianische Stimmung so:

siaomo esauriti

„Wir sind erschöpft.“ Kein Wunder nach einer Flutkatastrophe, einem besonders harten Lockdown und angesichts ungeklärter Perspektiven beim overtourism. Das alles war beispielsweise zuviel für Brigitte Eckert, die den sehr informativen Venedig Reiseblog betreibt. Oder: betrieben hat. Als Eckert im August dieses Jahres eine dichte coronasorglose Menschenmenge auf dem durchnässten Markusplatz beobachten musste, zog sie einen Schluss-Strich.

Diese Stadt ist nicht zu retten. Nicht vor der menschengemachten Klimakastrophe, nicht vor der menschlichen Dummheit und Gier. Ein guter Anlass, den Punkt zu setzen, den ich seit langem hinauszögere.

So weit ist Neil E. Robbins noch nicht. Gemeinsam mit der Bloggerin Eckert unterstützt der Journalist und Buchautor (Venice, An odyssee)  das Manifest „Let Venice live“. Auch teilt er die Sorgen um die Zukunft Venedigs, aber die Hoffnung auf Erholung hat er nicht aufgegeben. Für den Guardian schrieb er im April:

It may still be on the brink, facing continuing depopulation and environmental threats, but it is also true that it will emerge from the pandemic a bit stronger, and a touch more ready for the future.

Wenn es um Venedig geht, darf die dort lebende und arbeitende Journalistin Petra Reski hier nicht fehlen. Zumal sie ein eindrucksvoller Sonderfall von Aktiv-Erschöpfung ist. Ihre Bücher, Artikel und Tweets beschreiben immer wieder die Vergeblichkeit, mit der sie publizistisch gegen Mafia-Romantik, Umweltskandale und Falschmeldungen zu Venedig ankämpft. Ihre Newsletter strotzen vor amüsanter Ausweglosigkeit und resolute Resignation. Aber die Reibung an den unerträglichen, unveränderlich scheinenden Verhältnissen erzeugt offenbar eine paradoxe produktive Energie.

Hoffentlich haben Sie bis hierhin durchgehalten. Ich schon, obwohl der Autor dieser Zeilen im Jahre 2021 ganz konkret mit der schreibhemmenden Wirkung von Erschöpfung kämpft. Und nun im performativen Widerspruch darüber länglich bloggt. Aber so sind die Zeiten. Paradox und tückisch toxisch. Was ich sagen wollte, geht natürlich auch kürzer:

Mediale Erschöpfung ist ein individuelles und ein kollektives Problem der digitalen Gesellschaft, das Katalysator Corona nur aufgezeigt hat. Der Umgang damit ist unterschiedlich. Es reicht vom vollständigen Rückzug, über den zeitweisen Abstand bis zur öffentlichen Offensive. Wer nicht aufgeben will, der oder die muss aufladen. Da hilft vor allem ein besserer Selbstbezug, die Einsicht über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Der Schlüssel dazu wiederum liegt in einer abgewogenen media distance, um  zumindest zeitweise Abstand zu den Wutkarussels zu gewinnen.

Eine Haltung der Zurückhaltung gegenüber den Reizen von Eilmeldungen und Schuldzuweisungen. Genauso wichtig ist es, den geeigenten Zeitpunkt zu treffen, um zurückgewonnene Energie wieder einzusetzen. Schließlich steckt eben auch das Konstruktive, Kreative im Begriff der „Er-schöpfung“. Wenn es gut läuft, ist mediale Erschöpfung eine Momentaufnahme vor dem Neuanfang. Klar, Geduld ist gefragt, vor allem Besinnung auf sich selbst.

Aber wann, wenn nicht jetzt, im Corona-Advent, wäre dafür die richtige Zeit dafür ?

Deine Meinung ist uns wichtig

*