Ukraine: Der Finger am Abzug der Medienwaffen

Schwarzer Tag für die Politik (F: ARD)

Ein ziemlich martialischer Titel, geprägt vom Tag des Einmarsches russischer Truppen in die Ukraine. Aber wann, wenn nicht heute, sollte ein friedensverwöhnter Boomer sonst in sein Internet-Tagebuch schreiben? Schließlich wird scharf geschossen, real und medial.

Dazu  nun einige Selbstbeobachtungen. So roh wie die Lage.

Erste Lehre: Selbstreflexion macht medienkrisenfest

Den ganzen Tag über fühle mich getrieben. Als Teilnehmer an einer Inszenierung, die ich nicht ganz durchschaue. Offenkundig existiert jedoch ein Art Drehbuch, das immer wieder neue Schockszenen bereithält. Nur die nächste Wendung bleibt unvorhersehbar. Was passiert da, militärisch und kommunikativ? Und was heißt es für mich? Immer hektischer suche ich nach verlässlichen Fakten. In den Mainstream-Medien, auf alternativen Plattformen und in meiner Social Media-Blase. Plötzlich glaube ich einen dicken Hund auf Twitter entdeckt zu haben. Das offene Eingeständnis militärischer Hilflosigkeit durch den Heeres-Inspekteur Alfons Mais, das kann doch nur ein Fake sein! Und siehe da, der auf Twitter geteilte Screenshot eines Journalisten konnte gar von Mais‘ Twitter-Account stammen. Ich schlage ein bisschen Falschmeldungsalarm. Und werde sofort korrigiert: Der Screenshot stammt von LinkedIn, der General hatte sich tatsächlich genauso geäußert. Peinlich für mich.

Eine erste Lehre: Selbstreflexion ist eine zentrale Medienkompetenz in Krisenzeiten. Denk mindestens zweimal nach, bevor Du den medialen Abzug drückst, um irgendwelche Schein-Erkenntnisse zu teilen.

Zweite Lehre: Wirtschaftskrieg und information war werden hart

Aber warum überhaupt so nervös und aufgekratzt? Es ist diese publizistische Kampfstimmung. Wo auch immer ich an diesem Tag hinhöre, lese oder sehe – es herrscht übermächtiger Entlarvungs- und Bekenntnisdruck. Was macht der Feind, wo steht er überhaupt? Mediale Mobilmachung. Denn eines wird an diesem 24.2. spätestens klar: Geschossen wird hierzulande zwar noch nicht. Aber wir stehen unmittelbar vor einem Wirtschaftskrieg und bereits mitten im information warfare. Auf beides scheint Putin im Moment besser vorbereitet. Offenkundig spekuliert er darauf, dass sich seine Gegner in Brüssel und Washington mit den Ambivalenzen von Sanktionen quälen. Und dass im Westen bereits relevante Publika von toxischer Medienskepsis befallen sind.  Jedenfalls werden wir nun in Kriegslogiken verwickelt, in verlustreiche Boykottkämpfe und unversöhnliche Deutungsschlachten.

Das ist die zweite Lehre: Nicht nur das Lager Putins wird viel verlieren, auch wir müssen „bluten“ im Wirtschaftskrieg. Und uns gleichzeitig gegen Desinformationsattacken zu wehren haben. Waren und Worte werden Waffen. Es gibt sehr viele Finger an sehr vielen Abzügen. Vor allem medial.

Dritte Lehre: Im Deutungskampf mit den Autokraten

Aber bei weiten nicht alle Medienprofis waren heute so verunsichert und fahrig wie ich. Bei ARD, ZDF und Deutschlandfunk sortiert sich die Lage immer wieder, in nüchternen Analysen oder pointierten Wertungen, aber auch durch transparenten Umgang mit Nicht-Wissen. Vielen Privatmedien gelingt das Gleiche. Jedoch kommt das nicht überall an. Was deutlich wird, wenn man sich das Treiben der Alternativmedien ansieht. Voran marschiert RT, das vom russischen Staat instruierte Medienangebot. Dem lose bis eng angeschlossen haben sich die rechts- und die linkspopulistischen Plattformen. Beispielsweise Tichys Einblick und Compact. Oder die NachDenkseiten und Rubikon .

„Sonderoperation“ aus „Sicherheitsinteressen“ (Screenshot: RT)

Aus den vielen irritierenden Dingen, die dort zu lesen sind, schält sich für mich vor allem ein nebulöser Blend-Begriff heraus: „Sicherheitsinteressen“. Er suggeriert Sachlichkeit und ist doch verblüffend hohl. Darunter kann jede/r etwas anderes verstehen. Bei Putin, das haben wir spätestens heute gelernt, geht es in Wirklichkeit um Revierkämpfe. Nicht Russlands Sicherheit ist bedroht, sondern Oligarchenmacht und Geschäftsinteressen.

Lehre Nummer drei: So wie das Ringen um Covid und Klima, wird auch der Deutungskampf mit den Autokraten dieser Welt heftig. Aber er ist noch lange nicht verloren.

Diese Eindrücke und Lehren aus sind krude formuliert und spekulativ. Tut mir leid, mehr ist heute nicht drin. Ich leide am vorläufigen Verlust einer manchmal naiven, aber für mich alternativlosen Hoffnung. Nämlich dass Medien Verstehen und Verständnis erzeugen.

Allerdings gibt es noch etwas wesentlich Wichtigeres an diesem Wende-Tag für die Wohlstandgesellschaft. Wichtiger als meine vage Betroffenheit ist: Die furchtbare Lage der Menschen im Kriegsgebiet. Ihre Situation erträglicher zu machen und neues Leid zu verhindern, dazu muss mediale Kommunikation jetzt vor allem beitragen.

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  1. […] und ziemlich alt aussehen, wie in der gegenwärtigen „Zeitenwende“. Das habe ich im vorherigen Blogpost beschrieben. Mit meinem Bekenntnis der Überforderung durch diese „Gleichzeitigkeit von […]

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