Alles Nazis, auch Mutti.

Inflation auf dem Punkt (F: Google-Suche / Wikimedia)

Inflation auf dem Punkt (F: Google-Suche / Wikimedia)

Früher® wirkten Nazi-Vergleiche rhetorisch wie eine zugeknallte Tür.  Wumms – Ende der Debatte! Im Moment fangen Diskussionen gerne mal mit Hitler an. Das verhindert konstruktive Diskussionen und verwässert wichtige Begriffe. Ein Beitrag zur medialen Metapher-Kompetenz.

„Alles Nazis, auch Mutti“ – so der Tenor der neuesten Attacke auf Merkel-Deutschland, die Recep Erdogan in die Medienwellt schrillt. Ein echter Hin-Hörer. Aufregend schön für alle Seiten. Auf einem solchen Niveau müssen sich weder Befürworter noch Gegner groß anstrengen. Gut und Böse klar sortiert.

Wie so viele Phänomene, so sind auch die kalkulierte Nazi-Etikettierungen nichts Neues, haben sich aber in unserer digital vernetzten Gesellschaft geradezu irrwitzig vervielfältigt und beschleunigt. Dies hat der Autor Mike Goodwin bereits 1990 mit einem halb-ernsten Gesetz der Internetkultur auf den Punkt gebracht:

As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.

Nun ist diese Entwicklung vollständig in der allgemeinen Öffentlichkeit angekommen, die gern auch als „Medien-Mainstream“ bezeichnet wird. Dadurch verstärkt sich das doppelte Problem des leichtfertigen Nazi-Vergleichs: Er verharmlost den Nationalsozialismus und entwertet gleichzeitig den analytischen Wert des Begriffes. Denn nicht jeder Vergleich ist unangebracht.

Vor genau dieser Inflationsgefahr hat Mike Goodwin 2015 noch einmal in einem Artikel für die Washington Post gewarnt. Die Nazi-Folie dürfen wir durchaus gegen die aktuelle politische Wirklichkeit halten. Wir sollten dabei nur wissen, worüber wir reden. Zur Not lässt sich das recherchieren.

„Wir“? – ja: Wir! Denn mittlerweile hantieren nicht nur Provokateure mit der NS-Analogie. Aber bevor ich mich gleich über andere ärgere, gebe ich zu: Ob bei Trump, ob bei Erdogan – ich kann selbst nicht widerstehen. Und muss das Weimarer „Sie sind wieder da“-Gefühl teilen.  Damit habe ich es mir manchmal zu einfach gemacht. Wohl auch, weil es so schnell und so leicht ist, zu nazikaulern:

Wie das eben so ist: Vermeintliche moralische Überlegenheit führt manchmal zu Ungenauigkeit, die peinlich wirkt. Selbstgerechtigkeit steht gerade jetzt Journalisten/innen nicht besonders gut. Ein Beispiel hier. Ebenso wenig kleidsam finde ich Arroganz. Vor allem, wenn sie mit dem Accessoire der Nazi-Keule daherkommt.

In diesem Zusammenhang hat mich ein Beitrag des renommierten TV-Kritikers Hans Hoff geärgert. Darin beklagt er sich über eine „Auslandskrimiflut“, die angeblich eine „durchdeutschte Welt“ in die Wohnzimmer spült. Es geht um Donna-Leon-Verfilmungen und ähnliches.

Lassen wir mal persönliche Dinge beiseite, wie das wohlfeil-modische Bashing der Öffentlich-Rechtlichen oder die geschmäcklerische Bevormundung des Publikums, wenn es Seichtes sehen will. Oder dass ich schon die spießigen Edgar-Wallace-Filme super fand. Dann bleiben immer noch irritierende Sätze wie dieser:

Wenn ich es mal zuspitzen sollte, würde ich sagen, dass all diese deutsch besetzten Auslandskrimis bestes AfD-Fernsehen sind. Dumme Bilder für dumme Menschen, die ihr eigenes Versagen übertünchen mit dem Hass auf alles Fremdländische. Solch eine Einstellung fördert man, wenn man die Welt so plump durchdeutscht zeigt.

Und Tausend Goodwin-Points vergebe ich an diese Formulierung:

Ich kann mir gut vorstellen, dass bei solchen Sendungen so manch Ewiggestriger im Altenheim die Faust ballt und sagt: „Jawoll, mein Führer. Wir haben es doch noch geschafft.

Bei aller Notwendigkeit der Zuspitzung, bei allem feuilletonistischen Frust über seichte Abendunterhaltung – das steht in keinem erkennbar angemessenen Verhältnis zum inhaltlichen Anliegen mehr. Auch berechtigte Kritik an der bequemen Masche dieser Krimi-Verfilmungen rechtfertigt nicht den Griff in den rhetorischen Giftschrank mit dem Hakenkreuz drauf. So sad.

Zum Schluss eine Hausaufgabe im Fach Allgemeine Medienkompetenz: Bewegen wir uns bitte zurück in Richtung auf eine zivilisierte Diskussionsebene, unterhalb der rednerischen Radikalisierung und rhetorischen Kriegstreiberei. Also Augen auf beim Nazi-Vergleich!

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