Die größten Kritiker der Elche – ein Krautreport

Verblüffend – nach nur drei Wochen quasi offline finde ich diese „Krautreporter“-Debatte vor: Ebenso heftig die Angriffe wie beleidigt die Reaktionen – und dabei ist doch alles noch überwiegend Theorie! Aber wenn Journalisten/innen die Zukunft ihres Berufes diskutieren, gelten wohl andere Gesetze. Oder auch keine. Ich staune jedenfalls und auch die Betroffenen wundern sich: Was geht da ab? Ein Diagnose-Versuch.

So manches wurde in den letzten Wochen und Tagen ja dazu geschrieben. Aber mir kraut vor nix. Gut, solche Kalauer muss man nicht bringen, sagen wir also mal so: Projekte wie Krautreporter sind in mehrfacher Hinsicht notwendig. Als Sprung in die Praxis und Sturz in die Diskussion. Einfach mal machen statt immer nur zu reden oder gar zu klagen, dass der Journalismus tot sei.

Glücklicherweise habe ich in der Anfangsphase auch keine Prognosen abgegeben, die ich nun zurückfressen müsste. Anders erging es dagegen dem angesehenen Neumedialen Christian Jakubetz , der nach dem Erfolg der Crowdfunder Buße tun wollte, ohne seiner Kritik an den Krautreportern abschwören zu müssen. Schließlich gibt es doch so einige fragwürdige Aspekte, wie Christoph Kappes treffend analysiert hat.  

Nun aber zum Ausgangspunkt dieses Posts: Die Gereiztheit hatte in der Schlussphase der letztlich erfolgreichen Abonnentensuche erheblich zugenommen. Für eine Diagnose der Verstimmungen in dieser Debatte habe ich meinen Fremdwortschatz durchstöbert und bin zu folgendem Befund gekommen: Bislang leidet die Auseinandersetzung unter Symptomen von Naivität, Hybris, Hysterie und Hype. Aber es besteht durchaus Hoffnung. Denn der Patient lebt.

Naivität

Man kann es bedauern, ändern lässt es sich wohl nicht: In solchen Auseinandersetzungen geht es immer auch um Macht und Geld. Hier sollten sich auch Journalisten/innen nicht von vornherein zur Ausnahme stilisieren.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat derlei Ringen um Positionen im gesellschaftlichen Raum treffend theoretisch beschrieben, was ich hier nicht länglich ausführen will. Nur will ich Bourdieus Hinweis aufnehmen, dass es bei diesen Positionskämpfen nicht nur um Geld geht, sondern auch um andere Kapitalformen: soziales (Verbindungen, über die die prominenten Krautreporterschar reichlich verfügt) und natürlich kulturelles Vermögen (Ausbildung, Können). Vor allem aber symbolisches Kapital: Die Beteiligten haben einen exzellenten Ruf in der Branche, teilweise darüber hinaus.

Die Reporterinnen und Reporter aus der Kraut-Crowd sind keine Weltenretter, sondern Wettbewerber. Unternehmer in eigener Herzenssache. Daran ist auch nichts Ehrenrühriges. Sie wollen ihre gute Arbeit anders organisatorisch rahmen und konkurrieren sowohl mit den bestehenden Geschäftsmodellen als auch mit den anderen Kollegen/innen. Wenn die Krauts allerdings geglaubt haben sollten, dass es bei diesem Vorhaben nur Beifall gibt, dann war das naiv. Auch von ihrer Gefolgschaft.

Der passende Remix dazu sollte vielleicht lauten: „Die größten Kritiker der Elche werden jetzt selber welche“ (nach F.W. Bernstein)

Hybris:

Auch für eine gut gemachte Kampagne zur Finanzierung eines hehren Anliegens ehrenwerter Menschen gilt der Branchen-Spruch: „Werbung ist ein Versprechen, das man halten muss“. Deshalb beinhaltet ein Aufruf zum Crowdfunding kein Recht zu maßloser Übertreibung, „weil man das halt so macht bei der Selbstvermarktung“.  Anzukündigen, den „kaputten Online-Journalismus wieder hinbekommen“ zu wollen, basiert weder auf einer gerechten Analyse der Arbeit anderer noch auf einer realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten.

Gerade für Netzgemeinden liegt im Realismus wohl eine zu große Herausforderung: Denn wer sich hier einen Namen machen will, muss sich zunächst zur Deutungshoheit ernennen. Nur dann gruppiert man – natürlich nur mit entsprechendem Talent, was ich anerkennen will – viele Jünger/Follower um sich. So entsteht häufig ein übler Teufelskreis von haltlosen Versprechen und überzogenen Erwartungen. Hier wird in den Diskussionen um die digitale Gesellschaft häufig gesündigt. Im Fall der Krautreporter hängt der Haussegen der Community nun etwas schief.

Hysterie

So alt der Hut sein mag, er passt immer noch: Akteure und Rezensenten haben ein vielschichtiges Spannungsverhältnis. Das wissen natürlich auch Journalisten/innen. Und doch sind sie immer wieder tief erstaunt darüber, dass es ein ganz anderer Schnack ist, andere qualitativ zu beurteilen, ihnen Maßstäbe wie Transparenz zu setzen oder die Höhe der Einkünfte vorzuwerfen. Oder eben selbst ein Medienunternehmen zu gründen.

Plötzlich steht man auf unterschiedlichen Seiten. Die einstigen Kommentatoren betreten nun selbstbewusst als Medienunternehmer/innen die Bühne. Sie fordern neue Stücke, in denen sie außerdem die Hauptrolle spielen wollen. Das gefällt oft weder den Etablierten noch den Rezensenten. Weil das aber ehemalige Kollegen sind, schmerzt deren Kritik vermutlich besonders. Aber es sollte kein Anlass für hysterische Reaktionen sein.

Hype

Krautreporter ist, wie gesagt, ein sehr sinnvolles Projekt, aber eben als Pilot-Versuch. Eine Exzellenz-Initiative, wenn man so will. Die die publizistische Landschaft vermutlich bereichern wird. Ein Experiment darüber hinaus, das zu wichtigen strukturellen Erkenntnissen führen könnte. Die Rettung des Journalismus liegt in der Plattform vermutlich aber ebenso wenig wie die Vollendung der Demokratie durch die Piratenpartei gelungen ist.

Für mich wird es dann besonders interessant, wenn der Hype abgeklungen ist. Also der graue Redaktionsalltag begonnen hat. Welche Erkenntnisse wird diese Hochbegabtenförderung dann für die normal sterbliche Medienszene produzieren? Funktionieren diese alternativen Modelle auch für den journalistischen Mainstream, für die breite Kommunikation der Gesellschaft jenseits der Theodor-Wolff-Preis-Connaisseurs?

Das wird spannend. Bislang steht die Diskussion um das Zukunftspotenzial von Krautreporter / Crowdfunding noch auf dem Kopf, wie so viele derartige Debatten. Es geht um die Form, das Geschäftsmodell, die Organisationsstruktur, den Gendermix und so. Deshalb bin ich so froh, dass der Patient Krautreporter wohlauf  ist und die Chance bekommt, uns neuen, anderen Journalismus vorzuleben.

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  1. […] Neben der Kultur des Scheiterns gibt es auch eine Unkultur des vorzeitigen Scheiternlassens.Übrigens von Beginn an. […]

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