Geteilter Journalismus in Kriegszeiten

 

Antikriegs-Szene auf Twitter

Antikriegs-Szene auf Twitter

Kriegssommer 2014. Ein Medienereignis? Klar, ein Medienereignis! Gaza, Ost-Ukraine, Syrien, Libyen. Konflikte durchdringen die Wohlstands-Außengrenzen unserer Wahrnehmung immer wuchtiger, professionell und privat. Das hängt auch mit dem zusammen, was ich hier als „geteilten Journalismus“ beschreiben will.

Denn was geschieht da eigentlich mit uns im Zeitalter global sozial vernetzter Kriegsberichterstattung? Werden wir jetzt besser informiert oder übler infiltriert? Vermutlich – wie immer – in ziemlich ausgeglichener Form beides. Fakten und Propaganda. Seriös klären das hoffentlich wissenschaftliche Studien, die vielleicht genau in diesem Moment gestartet werden.

Profis und Laien im Kriegseinsatz

Das brutale Geschehen außerhalb dringt heute anders auf uns ein als beispielsweise der „Jugoslawien-Krieg” vor über zwanzig Jahren. Wir nehmen die aktuellen Konflikte „personalisiert“ wahr, auf der eigenen Timeline. Sofern wir Kommunikationsmittel auch nur ein bisschen modern nutzen, also mit mindestens einer kleinen Prise Social Media, kommt der Krisen-Journalismus nun zweigeteilt daher: professionell und privat, zuhause oder unterwegs.

Einerseits berichten TV-Nachrichten und Tageszeitungen, von Tagesthemen bis taz, wie gehabt nach allen Regeln der journalistischen Kunst. Sofern diese sich noch einhalten lassen, unter dem Druck von rasender Echtzeit und knallhartem Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Andererseits erreichen uns unmittelbar die geteilten Botschaften all der Online-Freunde und Gefolgsleute, die wir so angesammelt haben.

Ob nun selbstgeschossene Fotos, eigene Bekenntnisse oder weitergeleitete Claus-Kleber-Interviews, ob nun Tweeds der israelischen Armee oder Hamas-Videos. Ob Dichtung oder Wahrheit. Diese aus dem Zusammenhang gerissene Informationsbrocken (neuonlinedeutsch: „Meme“), verbunden mit persönlichen Kommentaren von Leuten, die Du kennst – das hat eine ganz andere Kraft.

Da zeigen sich die jüdischen Freunde in Sorge um ihre Verwandten und über antisemitische Parolen . Es postet der ehemalige Kollege seinen verzweifelten Wunsch nach Versöhnung der Unversöhnlichen. Und eine New Yorker Bekannte will mit Links eine verständnisvolle Betrachtung der palästinensischen Nöte anregen. Viele Akteure und jede Menge Zaungäste. Willige, unwillige und unfreiwillige.

Falsche und richtige Töne

Manches rührt mich an, anderes irritiert. Sobald ich selbst etwas beitragen will, erkenne ich, wie schwer es ist, den richtigen Ton zu treffen. Schnell werden Dinge falsch verstanden. Gut wenn sich die Missverständnisse im Gespräch (offline) klären lassen. Oft nehme ich aber wahr, wie die knappen Dialoge eskalieren und fast minimale Cyber-Wars, Stellvertreterkriege im Social Net dabei entstehen.

Ganz unterschiedlich, vor allem unendlich vielfältig, verlaufen die Reaktionen, etwas verwissenschaftlichter: verläuft die Anschlusskommunikation. Das reicht von reiner „Gefällt mir“-Zustimmung über angeregte Diskussionen bis, wie gesagt, hin zu Beschimpfungen. Oder Kopfschütteln: Was ist denn mit dem/der auf einmal los?

Ein anrührendes Beispiel höre ich in einem aktuellen Beitrag des Deutschlandradios über das West-Eastern-Divan-Orchestra Daniel Barenboims, einem beeindruckenden Friedensprojekt. Da erzählt ein Mitglied von Diskussionen zwischen jüdischen un palästinensischen Musikern auf Facebook, die teilweise in wechselseitige Beschimpfungen ausgeartet sind. Und erst im Gespräch von Angesicht zu Angesicht wieder bereinigt werden konnten.

“There are no journalists”

Ein Satz des Internet-Positivisten und Medien-Professors Jeff Jarvis kommt mir in den Sinn:

„Es gibt keine Journalisten mehr – nur noch den journalistischen Service“.

In seiner weitesten Auslegung: Zu Journalisten werden alle, sobald sie Informationen und Positionen verbreiten. Über die technischen Mittel verfügen jetzt fast alle.

Ob dieser geteilte und ge-sharete Journalismus eine bedenkliche Entwicklung oder einen Fortschritt bringt? Weiß ich nicht. Wir bewerten immer so voreilig, was der digitale Medienwandel, was die Flüssige Moderne so alles mit sich bringen. Vermutlich aber ist die einzig seriöse Antwort nur schwer auszuhalten: sowohl als auch.

Pro: Es wird im guten Sinne schwerer, wegzuschauen. Jeder Konflikt geht uns heutzutage an – moralisch, politisch und wirtschaftlich. Bislang abstrakte, scheinbar ferne Krisen erreichen uns nun auch ganz persönlich. Und weniger eindeutig, durch wenige Medien gefiltert.

Contra: Allerdings – mehr Informationen – häufig auch nur exzessiv verstärkte Emotionen – sind nicht unbedingt bessere Informationen. Wer prüft? Fraglich, ob der eigene Bekanntenkreis das Glaubwürdigkeitsproblem gegenüber professionellen Medien löst.

Sicher erscheint mir dagegen, dass selbst diese digitale Entwicklung der Medienwelt grundsätzlich nichts Neues bringt. Auch vor hundert Jahren haben sich die Meldungen auf allen damaligen Kanälen überschlagen: Attentat – Mobilmachung – Kriegserklärung – Einmarsch. Extrablätter wurden den Verkäufern aus der Hand gerissen, weitergereicht, weitererzählt, verfälscht, verhandelt. 1. Weltkrieg goes viral.

Parallelen zwischen den Kriegssommern 1914 – 2014. Nicht unbedingt ein beruhigender Befund.

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