Medien-Startups: Ideal first

Lebende Neugründung(Foto: Caitlin Hardee/CC BY 4.0)

Lebende Neugründung(Foto: Caitlin Hardee/CC BY 4.0)

Mein Wahkampf-Mem 2017 stammt von Christian Lindner: „Digital first – Bedenken second!“ Übertragen auf den Medienwandel „Gründen – nicht gründeln!“ Tatsächlich handeln viele journalistische Startups nach der Devise: Ideal first. Für das Problem fehlender Finanzen hoffen manche auf eine öffentlich-rechtliche Lösung: Rundfunkbeiträge.

Gerade hat der Kommunikationswissenschaftler Christopher Buschow eine spannende Studie über „Die Neuordnung des Journalismus“ vorgelegt. Darin nimmt er Unternehmungen unter die Lupe, die neue Wege abseits des „industriellen Produktionsmodus“ klassischer Sender oder Verlag eingeschlagen haben. Statistisch repräsentativ sind die Ergebnisse zwar nicht, aber die Forschungsobjekte wurden wohlbegründet ausgewählt und genau analysiert. Wie organisieren sich journalistische Neugründungen in der Praxis?

Neugründungen: Belebend bis ernüchternd

So kommt Buschow zu einigen interessanten Hypothesen. Insbesondere eine Erkenntnis bleibt besonders haften:

Idealismus überwiegt

Dies fügt sich recht genau mit meinen eigenen, teilweise (als Unterstützer) teilnehmenden Beoabachtungen publizistischer Startups. Nehmen wir beispielsweise die Krautreporter. Sie haben viel Aufmerksamkeit, Sympathie und Skepsis auf sich gezogen, als sie den Online-Journalismus für „kaputt“ erklärten und ankündigten:

Wir bekommen das wieder hin.

Ausgangspunkt vieler publizisticher Startups der letzten Jahre war also eine große Unzufriedenheit mit dem, was ist. Gesucht wurden seitdem formale und inhaltliche Innovationen. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe Experimentalredaktionen und Alternativmedien. Innovation und Provokation bilden ihre Leitmotive. Die Erfahrungen lassen sich sowohl als belebend wie auch als ernüchternd beschreiben.

Christopher Buschow hat nun festgestellt dass die Gründerinnen und Gründer erstens eine verblüffend homogene Gruppe und doch, zweitens, erstaunlich stark am bestehenden Mediensystem orientiert sind. Medienaffine Menschen mit journalistischem, kulturellem, technischem oder wirtschafltichem Hintergrund.

Die Gründungskollektive werden allerdings sehr gefordert durch den betrieblichen Aufwand an sich und sind sehr auf externe Vernetzung angewiesen. Selbstausbeutung, oft am Rande des Kontrollverlusts.

Vor allem: Ihre Finanzierung beruht auf dem Prinzip Hoffnung. Der Hoffnung auf Unentbehrlichkeit, die einem irgendwie das ökonomische Überleben sichern könnte. Durchschlagende, nachhaltige Geschäftsmodelle sind dagegen immer noch nicht in Sicht. Insofern hat sich die gallige Brecht´ sche Weisheit „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ verblüffender Weise umgekehrt: Zunächst das Ideal, dann das Kapital.

Wenn aber die öffentlichen Fördergelder, das privatwirtschaflliche Sponsoring und die Crowdfunding-Kröten erst einmal verbraucht sind, dann stellt sich die Finanzierungsfrage real umso drangvoller. Als eine Antwortmöglichkeit listet die Studie „Neuordnung des Journalismus“ eine Option mit auf, die man doch häufiger liest, wenn es um meritorische Medien in Zeiten knapper Kassen geht: öffentlich-rechtliche Rundfunkbeiträge.

Immerhin werden da pro Jahr acht Milliarden Euro umgesetzt. Was für ein gewaltiges Venture Capital für Wahres und Gutes!

Altmedien: Reform und Reset

Da fügt es sich doch ganz passend, dass ARD, ZDF und Deutschlandfunk gar nicht mehr so recht aus der Legitimationsdebatte herausfinden. Sehr plastisch wurde das unlängst am Streit zwischen Zeitungsjournalisten und Rundfunkmitarbeiter/innen über ein Reizwort: „Staatsrundfunk“.

Einerseits ist das ziemlich eine grobe Beleidigung, weil es die Öffentlich-Rechtlichen an die Seite gleichgeschalteter Medien in autoritär regierten Länder stellt. Als Ausdruck gesellschaftlichen Totalversagens. Andererseits gestaltete sich die Nähe der Sender zu Politik und gesellschaftlichen Einflußgruppen grundsätzlich problematisch. Dafür gibt es viele Beispiele und sogar Verfassungsgerichtsurteile.

Dass der Grundversorgungsauftrag immer wieder aktualisiert werden muss, ist schon länger bekannt im „System“. Aber so klug und ambitioniert die vielen Ansätze dort diskutiert werden, sie haben allesamt einen schweren Nachteil: Diese Lösungen sind so kompliziert wie die Probleme, die sie beheben sollen.

Vielversprechender erscheint es daher manchen Diskutanten, die Lösung zum Problem zu erklären. Stimmungskanone Christian Lindner von der FDP schießt besonders scharf und fordert radikale Reformen. „Medien-Kommissar“ Hans-Peter Siebenaar vom Handelsblatt drückt auf „Reset„.  Damit würde dann vielleicht der Weg frei für eine kühne Umverteilung von Macht und Geld. Wohin auch immer.

Journalistische Neugründungen könnten sich dann jedenfalls aus Rundfunk-Beiträgen bedienen, private Medienunternehmen wären die lästige Konkurrenz los. Nur Alice Weidel von der AfD hätte keine Sendung mehr, die sie empört verlassen könnte, um es dem Establishment mal so richtig zu zeigen. Aber grundsätzlich wäre die AfD sicher mit einer dauerhaften De-Legitimierung des etablierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks ganz glücklich.

Ausblick: Tanker versenken?

Wer jetzt auf meine „Über mich“-Seite klickt, weiß, dass ich parteiisch sein dürfte. Stimmt. Ein Öffi, qua Sozialisation. Und aus intensiver Erfahrung im System weiß ich, wie viele Kollegen dort denken: „Es wird schon so lange über uns geredet – aber am Ende wird nichts so heiß gegessen wie gekocht.“ Die Tanker ARD/ZDF/DLF sind weder leicht umzusteuern noch zu versenken.

Allerdings habe ich auch schon einmal hautnah erlebt, dass der große Schock doch kommen kann – und zwar gerade in dem Moment, wo sich alle längst an die Fundamental-Kritik gewöhnt haben. Dann geht zwar die Welt nicht unter, aber es säuft doch einiges Wertvolle ab.

Insofern werden wir nach der Bundestagswahl vielleicht ein bisschen schlauer sein. Wenn feststeht, ob beispielsweise die digital-diskruptive FDP eine wichtige politische Rolle spielt. Und wessen Bedenken zurückstehen müssen.

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