Not in Venedig

Sand und Sound – Klimakulturkritik aus Litauen

Medienmenschen oder Kunstgeschäftige – wer einen heilsamen Kulturschock sucht, komme nach Venedig und staune ausgiebig. Und  sorge sich gleichzeitig um diese unerträglich attraktive Stadt. Randnotizen von der 58. Biennale.

Falls einmal ein neues Stadtsymbol für die Serenissima gesucht werden sollte, würde ich statt des berühmten Löwen eine Schlange vorschlagen. Gut – ein Kalauer: Gemeint ist die Coda, die Warteschlange vor den unzähligen Kunst-Attraktivitäten. Das besonderes Kennzeichen der Settimana Santa mit ihren Previews. Selten hat man beim Anstellen solches Glück wie wir am 11. Mai. Mitten im Geduldsspiel vor dem Eintritt in die Ausstellung Litauens bricht Jubel im Team  aus: Goldener Löwe!

Ob die Auszeichnung als bester nationaler Beitrag berechtigt ist? Kann ich als Nicht-Feuilletonist und Kollateral-Beobachter kaum beurteilen. Meine Parallelwertung in der Laiensphäre: ein starkes, bewegendes Stück. Beklommen blicken die Zuschauer/-innen von einer Galerie auf eine hochauflösende Badestrandszene. „Sun & Sea (Marina)“ nennt sich die „Opern-Performance“, in der die scheinbar Entspannten von ihren Problemen singen. Tenor (haha): Wie lange halten die konsumparadisischen Zeiten wohl noch an?

Kritische Fragen über Fragen. Auch dieses lebende Sandkasten-Diorama in einer historischen Halle am Arsenale zeigt einmal mehr: In Venedig kann man Existenzielles inszenieren wie sonst nirgends. Kolonialismus, Krieg und Körper. Die Umwelt, den Menschen, das Nichts. Problematisieren. Ästhetisieren und Kommerzialisieren.

All das im Überangebot. Das Überwältigende zu bewältigen ist die unlösbare Aufgabe der professionellen Kulturarbeiter/-innen, zu denen ich nicht gehöre und die ich nicht beneide. Sie müssen das Gute und gut Gemeinte, Wahre und Halbgare, Schöne und Schaurige sortieren.  Immerhin: Die Arbeit an Glanz und Elend der Welt wird abends mit Party und Prosecco gewürdigt.

Im Groß-Feuilleton der Zeit hat Hanno Rauterberg auf die strukturellen Ambivalenzen der Biennale hingewiesen. „Geschlossene Offenheit“ finde ich ganz treffend. Kritik am Nationalismus und Länderkonkurrenz der Pavillons gehört ebenso zu den unauflösbaren Widersprüchen der Veranstaltung wie Kunst-Kommerz.

Und über allem: Das Mega-Thema „Menge“. Das globale Zuviel.

Womit wir sofort im real existierenden Venedig wären. Für Teilzeitbewohner wie mich kommt der Praxis-Schock in Form solcher Aufmacher-Stories im Ortsblatt Gazzettino: Zwecksteuer für das Flutschutz-Projekt M.O.S.E. Auf diese Weise sollen 100 Millionen Euro Unterhaltskosten pro Jahr für das Skandalbauwerk aufgebracht werden. Sofort entbrennt Streit zwischen den Lokalpolitikern und der Zentralregierung in Rom. Zumal Sonderabgaben bereits beschlossen wurden, um eine andere „Flut“ einzudämmen – die der Touristen, vor allem der Tagesgäste.

Unfreiwillige Pointe: Wie beim Thema Migration können sich die Stimmungsmacher/-innen auch hier nicht darüber einigen, ob sie die Fremden nun ausbeuten oder ausgrenzen wollen. Was für eine Heuchelei.

Mit dem Motto „May you live in interesting times“ will uns der Hauptkurator Ralph Rugoff wohl bedeuten, dass die Welt vor ziemlich abgründigen Möglichkeiten steht, so komplex, vernetzt und konkurrenzorientiert wie sie ist. Tatsächlich: Vervielfältigung und Beschleunigung – diese Grundkennzeichen der digitalen Moderne – bringen auch die Weltbühne Venedig ins Wanken. Wurde sie doch durch Google Maps und TripAdvisor ihrer Geheimnisse beraubt und verkehrstechnisch über-erschlossen, zu Lande, zu Wasser und aus der Luft. Venedig ist unerträglich attraktiv geworden – zumindest für die verbliebenen Einheimischen.

Andererseits: Venedigs Schönheit wurde auf dem schlammigen Grund von Sklaverei, Krieg und List gegründet. Wo wenn nicht hier darüber reflektieren? Außerdem waren es Besucher und Mäzene aus der Fremde, die die Stadt nach dem Untergang der Republik über Wasser hielten.

Der bereits erwähnte Zeit-Autor Rauterberg fragte in seinem Biennale-Leitartikel, ob es sich bei der diesjährigen Ausgabe nun um „Vielfalt“ oder „Kraut und Rüben“ handele. Das Problem, eine Antwort zu finden, liegt (mal wieder) im „oder“. Denn tatsächlich gilt beides gleichzeitig.

So bleibt Venedig eine große Metapher der Ambivalenz. Diese enorme Auswahl an Perspektiven wird ohne Überfülle an Menschen wohl kaum zu haben sein. Da hilft nur maximale Achtsamkeit, will man diesen Ort nutzen, ohne ihn völlig abzunutzen. Wie das gehen soll, weiß wohl keiner so genau. Außer: Auch hier unter vom Wachstums-Gaspedal – Betten-Kapazitäten, Billig-Läden, Verkehrsströme. Regulierungen könnten den Weg zum Freizeitpark in der Lagune noch verhindern, zumindest verzögern. Vor allem aber: Respekt im Umgang mit der fragilen Immobilie und ihren Bewohnern.

Also: Schaut auf diese Stadt, aber kommt ihr nicht zu nahe!

Andacht und Raumkunst: Installation „Erleuchtung“ von Lore Bert in San Samuele (F: Van der Koelen-Stiftung)

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