Rückbesinnliches als Erfahrungswert

Publikum auf Augenhöhe (Dieter Huber/LaBiennale 2015)

Publikum auf Augenhöhe (Dieter Huber/LaBiennale 2015)

Ist Erfahrung ein Wert an sich? Tja, wenn überhaupt, dann jedenfalls ein umstrittener. So mitten im Medienwandel. Allzu schnell kommt schließlich der Verdacht auf, dass Menschen nur überkommene Routinen und ihren Prestige-Besitzstand verteidigen wollen. Ist meine  Journalismus-Version ausgereift oder veraltet? Die alte Frage stellt sich immer wieder neu. Das ist gut so, auch für die Beziehung zum Publikum.

Sofern wir das reflektieren. Dahinter steckt ja eine Art Generationskonflikt der Ansichten. Auf der einen Seite der Dèjá Vu-Effekt: „Nix neues unter der Sonne“. Auf der anderen Seite: „Noch nie da gewesen“, jamais vu. Evolution versus Revolution.

Nehmen wir ein sehr anschauliches Beispiel: Vertrauensverlust, das Schlüsselthema des Jahres 2015 im Journalismus.

Wie oft habe ich es jetzt schon gelesen, gesehen. gehört: Früher haben die „Alt-/System-Medien“ ihr Publikum ignoriert, entmündigt und verachtet. Heute aber habe das Internet die Nutzer endlich zur Teilhabe ermächtigt. Deshalb müssen Journalisten ihm endlich auf Augenhöhe begegnen. Wenn sich deren Job nicht sowieso schon erledigt hat. Rumms.

Landauf, landab dieselbe Podien-Polarisierung. Fünfte gegen vierte Gewalt im Endkampf. Also nehme ich das stets aufs Neue bedröppelt zur Kenntnis, weil es ja ein Teil der Wahrheit ist, wie die Bloggerin Nicola Wessinghage darlegt. Wir Medienleute saßen schon ganz bequem auf dem hohen Ross. (Wobei es sich in meinem Fall wohl offen gestanden um ein Pony gehandelt hat. Provinzjournalist im Bundesstaats-Bonsai Bremen.)

Aber Erfahrung relativiert dann doch vieles an dem Oben-Unten-Schema der Medien. Dazu nun mein Dèjá Vu-Erlebnis aus dem Reporter-Dasein.

Publikums-Dialog der 90er: Engagierte Anrufer und frühe Trolle

Vor mehr als 20 Jahren  hatten wir bekanntlich schon einmal volle Flüchtlingsheime, damals wegen des Balkan-Konfliktes und sonstiger Kriege. Hilfsbereite Bürger gab es schon seinerzeit, ebenso wie besorgte. Leider auch Anschläge auf Unterkünfte.

Abends haben wir darüber im Regionalfernsehen berichtet. Das Studio war damals als Newsroom angelegt. Neben dem/der Moderator/in gab es zwei Nachrichtenleute und eine Studioassistenz im Hintergrund. Aktenordner, FAX. Und ein Telefon. Da konnten Zuschauer anrufen. Echt jetzt. Wir haben sogar den Hörer abgenommen und dann sozusagen gechattet.

Bei Reizthemen glühten die Drähte. Dann unterhielten wir uns zu Dritt mit dem aktiven Teil des TV-Publikums. Wenn richtig was los war, gab es sogar am Schluss der Sendung einen kurzen Talk zu den Reaktionen. Ähnlich wie dieser freundliche Griff in die Twitter-Lostrommel bei Hartaberfair.

Ja, so war das. Technisch etwas unbehauen, aber im Prinzip partizipativ. Vom Lob über Kritik bis zur Themenanregung war alles dabei. Sogar Trolle. Jedem/jeder von uns wurde mindestens einmal erläutert, „dass man solche Leute früher vergast“ hätte. Mal waren wir gemeint, mal die, über die wir berichtet hatten. Selten geschah das unter Klarnamen.

Mit dieser Hatten-wir-doch-alles-schon-mal-Anekdote will ich nicht bestreiten, dass die Möglichkeiten der Beteiligung und der Beleidigung durch die digitalen Vernetzung unglaublich gewachsen sind. Masse und Beschleunigung des Wandels sind tatsächlich von noch nie dagewesenem Ausmaß. Jamais vu. Qui, Qui.

Vielleicht jedoch hilft eine Rückbesinnung auf den Grundsatz der erneuernden Wiederholung dabei, mit der Doppelgesichtigkeit des Medienwandels besser klarzukommen. Wir müssen die Ambivalenz im Netz aushalten lernen. Oder erst mal zur Kenntnis nehmen.

Der Cyberspace ist kein herrschafsfreier Raum

Ein illusionsloser Blick in den Cyberspace lehrt: Auch hier ist kein herrschaftsfreier Raum entstanden, in dem sich Vertrauen einfach durch Controlling ersetzen ließe. Oder jede/r die gleich Chance auf Öffentlichkeit bekäme. Nein, die  allgemeine Ermächtigung des Einzelnen ist höchst theoretisch. Eher erleben wir  eine nagelneue Unübersichtlichkeit. Denn guter Wille und böse Absichten überlagern sich auch im Digitalen Zeitalter.

Gerade hat der Autor Kurt Lischka dazu einen sehr beachtenswerten, im besten Sinne ernüchternden Beitrag verfasst: „Das Netz verschwindet. Das offene Internet, seine Gegner und wir.“ Meine zugespitzte Zusammenfassung: Aus dem Plan einer Öffentlichkeit für Jedermann/frau wird gerade eine ziemlich geschlossene Veranstaltung auf übermächtigen Plattformen. Gleichwohl endet der Autor mit einem optimistischen „Wir schaffen das schon.“

Der Blogger Stefan Schulz verstärkt dies zu einem Appell ans Publikum, sich der Verantwortung für das Mediensystem dieser Zeit zu stellen. Bis hin zu einer offensiven Regulierung der wilden Web-Welt.

Wir wissen jetzt bescheid und wir sollten in der Tat damit beginnen, Lösungen vorzuschlagen für die Emanzipation im Klein-Klein und für Mitbestimmung im großen Rahmen.

Ich sehe in dem Büchlein von Lischka  ein erfreuliches konstruktives Abrücken vom Heilversprechen der Netz-Propheten, das Internet könne mal eben die Sozialphysik aushebeln. Denn natürlich geht es im öffentlichen Leben um Macht und Marktanteile. Und die vielen begrifflichen Verrenkungen und blinkenden Tools sollten uns nicht darüber hinweg täuschen.

Rückbesinnliches Fazit: Aushalten, nicht ausweichen

Das Publikum ernst zu nehmen bedeutet für mich: Keine unerfüllbaren Versprechen geben, sondern reinen Glühwein einschränken. Und ein emanzipiertes Publikum wiederum hegt keine überzogenen Erwartungen. Es gilt weiterhin, Widersprüchliches und Unzulängliches in den Medien auszuhalten, selbst in deren Version 4.0. Denn diese Paradoxien sind alternativlos. Immer schon und stets aufs Neue.

Sicher verfügen wir heutzutage über mehr Verbindungen, dafür aber über weniger gesellschaftliche Verbindlichkeit. Schließlich bringt selbst das Internet nicht die Lösung aller Kommunikations-Probleme. Was man ihm auch nicht vorwerfen kann, solange mit der digitalen Vernetzung kein totalitärer Allheilmittel-Anspruch einhergeht.

Es geht mir hier wirklich  nicht um den Glückskeks-Moment der Marke „Alles bleibt sich anders“. Ich denke nur bei jeder medienkritischen Diskussion in den Farben der Saison – schwarz und weiß – , dass wir mit den ewigen Polarisierungen nicht mehr weiterkommen. Mit dem ständigen Rückzug in die eigene extreme Ecke, dem Hochsicherheitstrakt der Rechthaberei.

Journalismus und Publikum bleiben aufeinander angewiesen. Ohne Grundvertrauen in Journalismus wird genauso wenig gehen wie ohne Respekt vor dem Publikum. War so, ist so, bleibt so.
Ja, in gewisser Weise ist alles neu. Wie immer.

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