Sog und Wirkung: “The DNA Journey”

Oha (Quelle: Web-Video Momondo)

Oha (Quelle: Web-Video Momondo)

Manchmal geschieht es einfach: „Aha – ein Erlebnis“. Wird der Unterschied klar, zwischen abstrakter Erkenntnis und konkreter Erfahrung. Wie bei dem rührenden Werbe-Video der dänischen Reiseplattform Momondo, das gerade Millionen-Karriere im Netz macht. Es veranschaulicht sinnlich, wie stark man Promotion und Politik, Werbung und Werte vermischen kann. Untrennbar.

Über derlei Paradoxien des Medienwandels habe ich viel gelesen und nachgedacht. Den Umstand nämlich, dass das Digitale stets doppeldeutig bleibt, indem es scheinbar Widersprüchliches verknüpft: Kontrolle und Kontrollverlust, Freiheit und Manipulation, Kreativität und Kommerz …

Wer das klüger erklärt haben möchte, der lese „Kultur der Digitalität“ von Felix Stalder, eines der besten Bücher zum vielbeschriebenen Thema derzeit. (Eine Rezension würde jetzt zu weit führen. Bei der Bloggerin Nicola Wessinghage erfährt man einiges mehr.) Es geht aber auch weniger theoretisch.

Konkret, fast körperlich nachvollzogen habe ich den Effekt jetzt auf der Facebook-Timeline, also in meinem „sozialen Massenmedium“, wie der erwähnte Stalder es nennt: „The DNA Journey“ hatte ein Freund mit ge-teilt, ein hochprofessionell gestaltetes Video des dänischen Reiseportals Momondo. Tenor: Wir gehören alle irgendwie zusammen, weshalb wir uns öfter besuchen sollten.

Mt verblüffenden Folgen: Der Clip wurde bis jetzt (Stand: 3.06.2016, 14:45 Uhr) zwei Tage nach Veröffentlichung bereits atemberaubende 1,49 Millionen Mal auf You Tube aufgerufen, sowie 8,3 Millionen Mal auf Facebook.

Warum? Darum:

Ein freiwilliges DNA-Experiment, bei dem die Teilnehmer/innen entdecken, wie viel Weltgesellschaft in ihnen steckt. Rührend. Ernsthaft.

Gut, betrachten wir es nüchtern: Thema: Vielfalt der Weltgesellschaft. Methode: Wissenschaftliche Untersuchungen. Genre: Dokumentation. Plattform: Social Media. Ziel: ?

Ist das nur schnöde Werbung oder doch auch ein Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte? Valide Wissenschaft oder bestellte Wahrheit? Und wenn ich den Post teile, verbreite ich dann clevere Reklame oder ein ethisches Statement? Antwort: Immer beides. Ob ich das nun will oder nicht. Die Grenzen fließen. Nein, sie sind so gut wie weg. Man vermisst sie auch kaum noch.

Denn durch massives Teilen des Videos entsteht tatsächlich neuer Kontext. Ob am Ende deshalb mehr Reisen gebucht werden oder die Völkerfreundschaft wächst – ich kann es nicht vorhersehen. Auch ist gechickte, grenzgängerische Werbung nichts Neues. Aber dass die Sog-Wirkung von Social Media ganz neue Kräfte freisetzt, das habe ich noch einmal frisch erfahren.

Mein Aha-Effekt des Tages.

UPDATE 16.06.2016: Zu schön, um echt zu sein. Und zu richtig, um unwahr zu sein. Offenbar waren Schauspieler/innen beteiligt, anscheindend reagierten sie aber auf ihre Original-DNA-tests. Je näher Mediendienste hinschauen, umso unschärfer wird der Gegenstand. Zum Beispiel hier und hier.

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