Version einer Vision – Dirk von Gehlens ENIV

Ganz schön modern: Cover der Druckfassung von ENIV

Ganz schön modern: Cover der Druckfassung von ENIV

Vor fünf Jahren habe ich Dirk von Gehlen zu einem Vortrag in die Rundfunkanstalt nach Bremen eingeladen. Damals kam er bereits als renommierter Redaktionsleiter, Blogger, Dozent und Grimme-Online-Award-Gewinner. Man hätte ihn also kennen können. Bald muss man. Denn sein jüngstes Buch „Eine neue Version ist verfügbar“  (ENIV) erscheint im Herbst. Es ist das Resultat eines Experimentes, das uns Entscheidendes über die Entwicklung der (Medien-) Welt erzählt.

Doch darum geht es gleich. Zunächst zurück zu jener denkwürdigen Begegnung im öffentlich-rechtlichen Sender, für den ich seinerzeit arbeitete. Dort war gerade mit Glanz, Gloria, Ach und Krach sein neues, voll vernetztes Funkhaus in Betrieb genommen worden. Die Journalistinnen und Journalisten, die gekommen waren, zeigten große Neugier auf das, was an Segnungen aus der Online-Wolke auf sie herabregnen sollte. Blitze waren ja genug eingeschlagen.

In der Veranstaltung mit Dirk von Gehlen ging es ganz wesentlich um eine erneuertes Verständnis vom Publikum: Massenmedien entdecken den direkten Kontakt mit Zuschauern, Hörern und Usern über digitale Rückkanäle. Viel wurde diskutiert über mediale Chancen und technische Schwierigkeiten. Gegen Ende dann schilderte ein Redakteur wortgewandt seine wenigen Freuden, aber unendlich vielen Frustrationen. Solle man wirklich das Kerngeschäft Programm zugunsten des Streits mit Wut-Hörern und Pöbel-Zuschauern vernachlässigen?

Die entwaffnende Antwort Dirk von Gehlens beeindruckt mich bis heute. Ein Satz: „Verachten Sie ihr Publikum nicht“! Das entschuldigte keine verbalen Ausfälle und beschönigte keine unproduktiven Mailwechsel. Doch es wurde deutlich, wohin die Entwicklung gehen würde. Immer mehr Nutzer wollen heutzutage von den Journalisten wissen, was sie warum und für wen tun. In der Online-Welt können sie diesen Legitimations-Anspruch auch zunehmend durchsetzen.

Dass Grenzen im Digitalen verschwimmen, beispielsweise zwischen Original und Plagiat, konnte Dirk von Gehlen  2011 bereits in seinem Erstling „Mashup – Lob der Kopie“ (edition suhrkamp)zeigen. Im vergangenen Jahr nun hat er sich die Metapher der „Verflüssigung“  (Zygmund Baumann) vorgenommen und dies zum Gegenstand eines Schreibexperimentes gemacht. Die Aktion wurde zudem, höchst innovativ, per Crowdfunding finanziert. Auf der Plattform „startnext“ warb Dirk von Gehlen für seine Idee um Geld. In kürzester Zeit kam die erbetene Summe zusammen.

Um der Transparenz Willen sei jetzt erwähnt: Auch ich habe das Projekt unterstützt und mir damit mit den anderen 350 Vorabbezahlern einen besonders exklusiven Blick gesichert. Denn Dirk von Gehlen lud zum Mitdenken/-machen ein. Dazu hatte er uns seinen Schreibprozess und sein Lektorat zugänglich gemacht. Und sogar eine Möglichkeit der Online-Kommentierung geöffnet. Von Gehlen selbst sagt dazu: „Als ob man gemeinsam einen dunklen Raum mit der Taschenlampe ausleuchtet“.

In ENIV lernen Leser einiges über die faszinierenden Dialog-Möglichkeiten zwischen Künstlern und aktiven Konsumenten. Von Gehlen weiß dabei natürlich, dass auch in Zukunft viele Menschen eher in der Konsumentenrolle bleiben wollen. Aber es geht ihm um jene „zehn Prozent“ der aktiven Interessieren, die von Anfang an bei einem Werk dabei sein wollen, indem sie sich einbringen. Er vergleicht sie mit den Fans in einem Fußballstadion, die aus einem Spiel mit Beifall, Pfiffen und Gesängen erst das wahre Ereignis erschaffen würden. Die große Mehrheit guckt natürlich weiter Sport im Fernsehen.

So entsteht eine ebenso amüsante wie kompetente Aufklärung über avantgardistisches Digital-Denken ohne hochmütige Belehrung. Das Buch hat eine klare Mission, hütet sich jedoch vor eifriger Evangelisierung. Mir hilft dieser Ansatz als eine Art Brücke über den immer noch tiefen Graben zwischen versierter „Netzgemeinde“ und angeblich tumben Einwandern aus den „alten Medien“.

Der Ansatz von ENIV, einmal praktisch und konsequent die Möglichkeiten aktueller Kulturproduktion auszuloten, hat funktioniert. An einigen Stellen öffnete das Projekt mir jedenfalls die Augen. Wobei ich nicht behaupten will, dass mir alles gefiel, was ich da sah. Die digitalen Medien erlebe ich als eine zu rücksichtslose Infrage-Stellung des Bisherigen. Man mag es als gewaltige Chance sehe,  man mag sich bedroht fühlen. Dazu neige ich eher, zugegeben.

Bei dem Vorschlag von Gehlens, „Kultur als Software zu denken“, also auch in Versionen, fühlte ich mich öfter mal an den verstorbenen Künstler Vicco von Bülow erinnert. Von ihm weiß ich, wie viele Fassungen desselben Sketches er hat drehen lassen, bis er zufrieden war. Der letzte Take allerdings, der war es dann auch für immer. Und ich habe selbst erlebt, wie Loriot bis ins Alter persönlich akribisch als Urheber seine Werke vor jeglicher Veränderung schützen wollte. Zwar hat er irgendwie schon in Versionen gedacht, hätte aber seine Endfassung mit Sicherheit nicht mehr von anderen verflüssigen lassen.

Ebenso spannend wie verstörend war für mich der Blick auf die Zukunft des Journalismus. In einem Kapitel „Liquid Newsroom“ schildert der Web-Entwickler Steffen Konrath im Gespräch sein Redaktionssystem. Dies bildet eine Dialogplattform, welche gewaltige Mengen von Texten, Bildern, Tönen und Statistiken unterschiedlichster Quellen verbindet. Dynamisch in Echtzeit. Die journalistischen Rollen heißen hier „Source Expert“, „Beat Curator“ und „Data Analyst“. Für mich käme da vermutlich kein altersgerechter Arbeitsplatz mehr heraus.

Kein Wunder also, dass ich mit der allgemeinen Verflüssigung etwas fremdle: Zum einen habe ich einmal ganz unmittelbar erlebt, wie verstörend hochkomplexe Technik auf reale Menschen wirken kann, die mit ihr umgehen müssen. Möglicherweise war die ja einfach nur schlecht. Es wird auch eine Generationenfrage sein. Aber in künftigen redaktionellen Zusammenhängen wird es auf jeden Fall für Medienarbeiter noch mehr darauf ankommen, zu „funktionieren“.  Journalisten sollten dann übrigens auch programmieren können.

Wir alle liefern ja mittlerweile meist freiwillig und häufig unbewusst unsere Lebens-Daten online dazu ab. Es mag wiederum altbacken sein, aber ich stehe dieser Vision von Big Data zwiespältig gegenüber. Sicher auch, weil ich vieles selbst gar nicht mehr überblicke. Aber vor allem, weil ich eine Technisierung des Menschen und des Menschlichen argwöhne, die mich ängstigt. Dabei bin ich übrigens noch nicht mal bei der Frage des Missbrauchs durch Geheim- und andere Dienste.

Also konnte ich bei der Lektüre letztlich nicht über meinen skeptischen Schatten springen. In der Metapher der Verflüssigung sehe ich jedoch  eine sehr überzeugende Darstellung des großen digitalen Wandels. Welchen ich  an vielen Stellen eher als Auflösung interpretiere. Dementsprechend wünsche ich mir wieder einige feste Strukturen. Und – ja – auch Grenzen.

Als Unterstützer von ENIV war ich ja Teil eines Schwarmes und möchte deshalb auch am Schluss wieder schwärmen:  Das neue digitale Denken für die Kulturproduktion stellt sich in „Eine neue Version ist verfügbar“  gar nicht als ruppiger Machbarkeitswahn oder gar blinder Fortschrittsglaube vor. Der Autor lässt Widerspruch zu und dokumentiert ihn sogar. Er vertraut auf Diskussionskultur und wirbt für die Entdeckung der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten. Dafür, aktives Publikum einzubinden, um ein besseres Ergebnis zu erhalten.

Wie die klassischen Leser das Buch beurteilen, wird sich ab Herbst zeigen. Dann erscheint ENIV im Metrolit-Verlag. Für die 350 crowdfunding-Unterstützer ist das Projekt dagegen jetzt abgeschlossen. Wir halten schön gestaltete, teilweise sogar individualisierte Druckversionen in den Händen. Und freuen uns über den Erkenntnis- und Erlebniswert, der darin ausgedrückt wird. Ich jedenfalls.

Bei unserer ersten Begegnung vor Jahren war ich ein öffentlich-rechtlicher Direktor und Dirk von Gehlen der Leiter einer Onlineredaktion. Inzwischen gehört er zu den wichtigsten Figuren der neuen deutschen Journalistenszene. Ich darf ich mich jetzt amtsfrei mit der Medienentwicklung auseinandersetzen, weiter Staunen lernen und in der Version „5.0“ bloggen. Bei der Suche nach Orientierung in der Digitalen Welt ist mir die Arbeit Dirk von Gehlens geradezu unverzichtbar geworden.

Kommentare

  1. Vielen Dank!!

Ihre Meinung ist uns wichtig

*


4 − = zwei

Diese Seite verwendet Cookies. By using the site, you agree of our use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Schließen