Das Himmel-Hölle-Prinzip

Bemalter Bunker (Foto: DoSchu / CC BY-ND 2.0)

Bemalter Bunker (Foto: DoSchu / CC BY-ND 2.0)

Diese Woche wird es wieder ernst für „das System“: Vom 18. bis 20. Oktober spielt die Ministerpräsidenten-Konferenz Schicksal für die öffentlich-rechtlichen Medien. Begleitet von einer aktuellen Debatte nach dem rhetorischen Himmel-Hölle-Prinzip. Leider glauben viele daran.

Manchmal übersehen wir gerade die offenkundigen Mechanismen im Meinungskampf. Was ins Auge gehen kann, wenn es um wichtige Fragen der Zeit geht. Reden wir also hier einmal über Deutungsrhetorik anhand eines wichtigen Falles: Die Zukunft von ARD/ZDF/DLF.

Publizistische Gleichrichtung

Der Mainstream an sich ist träge und lässt sich nur sehr langsam in neue Richtungen lenken. Wer also die (Medien-) Welt verändern will, der muss zunächst einmal Wandelwillen intensiv herbeireden. Und dazu gibt es eine ebenso einfache wie wirkungsvolle rhetorische Methode: eben das Himmel-und-Hölle-Prinzip.

  1. Schritt: In düsteren Farben des Gestern an die Wand malen. Zum Beispiel das überteuerte, behäbige und bevormundende öffentlich-rechtliche System.
  2. Schritt: Für das Morgen den Himmel auf Erden versprechen. Die kostengünstige Wahlfreiheit unter agilen Anbietern in einer neuen, frei vernetzten und blühenden Medienlandschaft.

Genauso lesen wir das seit einigen Wochen in bemerkenswerter Gleichrichtung. Ob nun der Spiegel sein Sturmgeschütz der Demokratie durchlädt oder im Weser Kurier der Head of Digital (and Sturmfrisur) aufs Althergebrachte feuert. Bei den Rundfunkanstalten brennt langsam die Hütte.

Derart massiv ist die Attacke mit der immergleichen argumentativen Munition: Öffentlich-rechtlich = Alte-Leute-Fernsehen („Bildstörung“), das wegen Internet („Netflix“) stirbt, was aber nicht schade ist, weil es dem Staat („Nordkorea“) gehört und den Online-Wettbewerb („presseähnlich“) zerstört.

Kaum ein Wort dagegen über erfolgreiches Radio, aufwändige TV-Kulturprogramme oder nervige De-Publizierungs-Pflicht bei den ÖR. Erst recht lesen wir selten eine Zeile über die problematische Konzernmacht eines Springer Konzerns oder das weitgehende Gebietsmonopol von Regionalzeitungen wie dem Weser Kurier.

Politische Korrektur

Überhaupt: Der zentrale Gedanke der Meinungsvielfalt findet in nahezu allen Diskussionen fast nur noch in Bezug auf AfD-Positionen statt. Der pluralistische Anspruch an eine Medienordnung scheint bereits in die Weiten der sozialen Netzwerke ausgegründet. Da könne ja jede/r …

Man kann diese massive Kampagne mit dem modischen Begriff Framing umschreiben. Und diese Rahmung in Echtzeit hat ein konkretes Terminziel: Die Tagung der Länderchefs/innen vom 18. bis 20. Oktober. Die wesentlichen Stichworte der Staatskanzleichefs lauten: „Grenzen aufzeigen“, „Programmauftrag auf den Prüfstand“, „nachhaltiger Reformprozess“ und „Strukturoptimierung“.

Fun Fact am Rande: Ausgerechnet „die Politik“ soll nun den angeblichen „Staatsfunk“ neu ausrichten. Widerspruchsfrei ist dieser Streit wahrlich nicht. Wirtschaft und Staat nehmen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den Schraubstock. Beim Telemediensystem der Zukunft verlangt die Wirtschaft freie Bahn, und die Politik möchte gern mitreisen.

Demnächst wird sich zeigen, wie weit Verleger, Internetunternehmer und Systemskeptiker damit kommen. Meine Vermutung: Weiter denn je. Die Zeit scheint günstig für äußerst wirkungsvolle Attacken. Das spürt übrigens selbst die BBC, das große öffentlich-rechtliche Rollenmodell.

Hinter dem Megatrend zur wütenden Pauschalkritik am Öffentlich-Rechtlichen steht ja schließlich auch ein großes Ohnmachtsgefühl. Ein allgemeiner gesellschaftlicher Befund, zudem ein internationaler. Auf der verzweifelten Suche nach Selbstwirksamkeit wollen viele Menschen ein anderes „System“. Eines, das ihnen entgegenkommt. Eines, das sie beeinflussen können. Und sei es durch seine Abschaffung. Wer soll bei einem so komplexen, wirkmächtigen Apparat wie dem ÖR denn auch an Veränderungen glauben? Das fällt selbst manchen Insidern schwer.

Segensreicher Fluch

Dabei ist das Himmel-und-Hölle-Prinzip eigentlich gar kein Hexenwerk. Es gehörte immer schon zum Instrumentenkasten des Change-Management. Ja, im Grunde haben wir doch alle schon mal diese Rhetorik benutzt, vermute ich. Denn sie kann ja Segensreiches bewirken, wenn Grundsatzkritik und Außendruck notwenige Veränderungen in Gang bringen

Damit das allerdings klappt, muss ein elftes Gebot erfüllt sein: Du sollst bloß nicht an die Übertreibungen glauben! Vor allem nicht an die eigenen. Die Konfrontation von Teufeln und Engeln dient der Illustration. Konstruktiv wird es erst, wenn der Eifer nachlässt. Bei den Akteuren ebenso wie beim Publikum.

Insofern könnte man vermuten, dass beispielsweise Mathias Döpfner vom Axel Springer-Konzern tatsächlich nur die Verleger-Position gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk pointieren wollte, als der den Staatsfunk-Startschuss gab.

Aber das dürfte eine naive Hoffnung für diese Debatte sein. Denn eine weitere, extrem wichtige Voraussetzung für gelungene Aushandlung ist: Frustrationstoleranz. Reformen bedeuten Interessensausgleich. Radikal-Lösungen sind da leider attraktiver – „Schöpferische Zerstörung“ – wie geil klingt das denn!

Gerade heute fragt der Medienminister von Sachsen-Anhalt, Rainer Robra: Warum brauchen wir die Tagesschau noch, wo wir doch ZDF-Heute haben?

Unheilige Einfalt

Bislang kann ich jedenfalls eine Abkühlung noch nicht erkennen. Im Gegenteil: Die aktuelle Stimmung erinnert mich an die 80er Jahre, kurz bevor die geistig moralische Wende zum Privatfunk vollzogen wurde. Weil es auf einmal technisch möglich und wirtschaftlich begehrt war, sollte der Markt den Rundfunk in Deutschland damals neu ausrichten: Publizistische Alternativen und ökonomische Effizienz.

Seitdem haben wir eine duale Rundfunkordnung: Ob die beiden privaten Fernsehgruppen RTL und ProSiebenSat1 sowie die vielen kommerziellen Radios die seinerzeitigen Hoffnungen erfüllt haben, mag jede/r selbst beurteilen. Fest steht: Viele Texte von damals könnte man wohl heute wieder abdrucken, ohne dass das groß auffiele.

So geht es mir übrigens häufig mit den heißen Debatten des Medienwandels. Die Grundprobleme mit der „Vierten Gewalt“ im Staate scheinen irgendwie dieselben zu bleiben. Um nur eines zu nennen: Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Als Vertreter einer kleinen öffentlich-rechtlichen Anstalt habe ich mir früher manchmal anhören müssen, dass „föderale Vielfalt oft eine Last“ sei.

Nur frage ich mich gerade: Spricht das für Einfalt? Verflucht nochmal!

P.S.: Ja, ich bin befangen, was ÖR betrifft, aber dadurch weder blind noch blöd. (Offenlegung)

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