#Relotius – aus Geschichten lernen

Profil des Journalismus

Was für eine Geschichte?!  Die „Causa“ Relotius um erfundene Stories bekommt ein Fragezeichen für ihren Gegenstand und ein Ausrufezeichen für ihre metamediale Bedeutung. Fortsetzung folgt: 2019 wird das Jahr der journalistischen Erklärungsnot. Daraus ließe sich sogar eine Tugend machen.

Seitdem der Spiegel den preisgekrönten Schwindel von Claas Relotius aufgedeckt hat, wird heiß diskutiert, zum Beispiel auf Twitter, dem Bewertungsportal der Medienschaffenden. Der Fall zieht darüber hinaus Kreise in der gesamten Informationsgesellschaft. Die Zeit ist einfach reif für Grundsatzdiskussionen über einen Beruf, dessen wesentliches Kennzeichen seine Fragwürdigkeit ist.

Wenn da nicht diese existenzbedrohlichen Attacken von ganz rechts (Verlinkung bringe ich nicht übers Herz) wären, dann könnte einen sogar erfreuen, was binnen kurzem an Selbstreflexion in einer notorisch kritikresistenten Branche entstanden ist.

Da werden spannende Erfahrungen zusammengetragen: Zur Effekthascherei beim marktgrerechten Storytelling. Über die Preishörigkeit und die Zwänge von Juroren. Oder über die Großkotzigkeit von Magazinreportermännchen in den „Goldenen Zeiten“. Manchmal geht es auch einfach nur um schlechte Laune.

Ich möchte eine Beobachterperspektive beitragen. Vielleicht kann sie dabei helfen, die vielen, vielen Beiträge ein bisschen besser einzuordnen. Mein Ausgangspunkt: Neu ist das Problem nicht. Es wird einfach zeitgemäß wuchtiger diskutiert. Aber es wird Folgen haben.

Seit Jahren arbeite ich an der wissenschaftlichen Vermessung eines – Disclaimer: meines – publizisitsichen Milieus. Eines Milieus, das in der Branche einiges mitzureden hat: Absolventen/innen der Deutschen Journalistenschule München. Dass der Fall Relotius ganz wesentlich durch einen DJS-Alumnus namens Juan Moreno ins Rollen kam, sei als anekdotische Relevanz kurz angemerkt.

Im Zentrum meines Interesses steht damit die Frage, wie eine elitäre Akteursgruppe („Rückgrat der deutschsprachigen Medienlandschaft“ / Selbstdarstellung auf der DJS-Website) über Generationen ihre journalistische Haltung einnimmt. Mit jedem der Schlüsselbegriffe „Elite“, „Generation“ und „Haltung“ muss man höchst achtsam umgehen. Denn es wird viel Unfug damit angerichtet, gerade in Medienmeta-Debatten.

Elite gilt mal als Schimpfwort, mal als Qualitätssiegel. Immer jedoch hat das Konzept mit Macht zu tun. Mit dem Ausdruck Generation werden oft ganze Jahrgangsgruppen unter einen Hut gepresst, mit Aktenzeichen versehen, wie „X“, „Y“ oder „Z“. Dabei geht es immer nur um aktive Teilgruppen. „Journalistische Haltung schließlich wird gern mal als Phrase hergenommen, um damit Preise zu gewinnen oder zu begründen. Was aber genau darunter zu verstehen ist, bleibt meist wortreich wolkig. In der Regel reicht es einfach nur, „Haltung zu zeigen“. Oder zu posieren, was Claas Relotius offenbar perfektioniert hat.

Begriffliche Unschärfe ist hier kein Zufall, sondern nachgerade eine Kerneigenschaft der performativen Profession Journalismus. Jeder Akteur, jede Akteurin braucht zwar zwingend eine Haltung, um überhaupt handlungsfähig zu werden. Nur existiert eben keine einheitliche Vorstellung von der richtigen, denn dazu ist die mediale Praxis zu vielfältig. Journalismus aktualisiert nicht nur ständig das Selbstbild der Gesellschaft, sondern immer gleich auch den Rahmen mit. Weder existiert ein allgemeingültiges best pracitice Modell noch eine anerkannte normative Gesittung. Journalistische Haltung ist work in progress. stupid.

Kein einfacher wissenschaftlicher Gegenstand also. Bald will ich die genauen Ergebnisse jahrelangen Forschens vorlegen. Das hatte ich schon im ablaufenden Jahr vor. Wenn ich mich frage, was mich so lange aufgehalten hat, dann lautet die beste Ausrede: die Rasanz des Medienwandels. Einen wirklichen Redaktionsschluss kann es kaum mehr geben in dieser Phase digitaler Steigerungslogik.

Aber sogar die Affäre Relotius wird irgendwann nur ein weiterer vorläufiger Höhepunkt einer unendlichen Geschichte sein. Wer sich mit der Medienhistorie beschäftigt, stößt unvermeidlich auf interessante Vorläufer. Nehmen wir nur Theodor Fontane, der zeitlebens sein Geld weniger mit Schriftstellerei als vielmehr mit Journalismus verdiente. Für die „Kreuzzeitung“ verfasste er „unechte Korrespondenzen“, zum Beispiel aus London.

Alles bleibt sich anders. Die alten Widersprüche bei der Herstellung von Öffentlichkeit brechen immer wieder aufs Neue durch. Der Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg hat einmal die „eingebauten Schizophrenie“ des Berufes beschrieben. Hin und Her gerissen zwischen Ökonomie und Gemeinwohl. Dem emeritierten Forscher ist übrigens ein sehr interessanter Band gewidmet, dessen Titel auf den Punkt trifft: „Paradoxien des Journalismus“.

Mit den Widersprüchen dieses Berufes – Beispiel: zwischen Aktualität und Sorgfalt – könnte man viele Bücher füllen. Nur wird es nie gelingen, all die Gegensätze, Dilemmata und Aporien aus der Welt zu schaffen. Obwohl das genau jetzt wieder versucht wird, um den Relotius-Schock zu verdauen.

Es war schon erstaunlich anzusehen, wie schnell die kategorialen, pauschalen Wahrheiten auf die Twitter-Timeline schossen. Die einen schreiben (und hoffen) auf den isolierten Einzeltäter, den Ausnahme-Fall. Andere bestehen (lustvoll) auf Systemtotalversagen. Typisch Journalist, typisch Mainstreammedien-Journalist, typisch männlicher Mainstreammedienjournalist. Selbst über die Feiertage stürzen sich die Branchenbewohner in die Deutungsschlacht. Immerhin: Eine umfassende Selbstreflexion hat eingesetzt.

Sollen Journalisten/innen Geschichten erzählen oder einfach „sagen, was ist“? Allein dazu scheinen alle eine Anekdote bereit zu haben. Ich auch. In meiner Ausbildung, an besagter Journalistenschule hatte ich bereits die Neigung zum Komplizieren durch Differenzieren. Lesbarer hat das meine Texte nicht gemacht. Meine verzweifelte Frage: Was kann ich nur tun, wenn die Wirklichkeit nicht so pointiert ist wie gewünscht? „Must halt a bisserl tunen, gell!“ riet mir ein besonders begabter Mitschüler. Pimp your Story.

Insofern haben wohl eine Menge Menschen in der Branche mal so einen Relotius-Moment. Was nützt denn ein guter Plot, wenn man ihn umstandskrämerisch beschreibt? Auf der anderen Seite gibt es dann doch noch eine feine Grenze zur Manipulation bei der Wirklichkeitskonstruktion. Bei Fragen wie „Entweder Geschichten erzählen oder objektiv berichten“ besteht das Problem deshalb nicht in der richtigen Wahl, sondern im „Oder“. Ambivalenzen regulieren ist auch im Journalismus die wahre Kunst.

Hilft da die Wunderwaffe „Transparenz“? Für den „Netzphilosophen“ David Weinberger liegt in ihr gar die „neue Objektivität“. Demzufolge sollten Journalisten ihre Beiträge nicht nur veröffentlichen, sondern ihre Arbeit daran stets mit offenlegen. Medienwissenschaftler Michael Meyen geht anlässlich Relotius sogar noch vier Schritte weiter. Journalismus „neu denken“, indem man das ganze Interessensgeflecht rund um die eigene Berichterstattung entfaltet.

Hinter solchen Ansätzen steckt wohl auch die uralte Hoffnung, Vertrauen durch Kontrolle zu ersetzen. Wird man das tatsächlich können? Und sollte man es wirklich wollen? Beides eher nein, finde ich. Jedenfalls in der totalitären Fassung. Denn: Wer kontrolliert schließlich die Kontrolleure? Die Herrscher des Verfahrens?

Trotz dieser Zweifel weist der Transparenz-Ansatz in die richtige Richtung. Den journalistischen Entstehungs-Kontext eines Themas zu beschreiben, steigert die Medienkompetenz bei allen Beteiligten. Deshalb hebt der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen den „investigativen Medienjournalismus“ im Fall Relotius zu Recht hervor.

Institutionen wie die Deutsche Journalistenschule gehen mit  einer Qualitäts-Charta oder Informationsaktionen an allgemeinbildenden Schulen („#journalistenschule“) in die Offensive. Gleichzeitig spürt auch die DJS den eskalationsfähigen Druck von Alternativöffentlichkeit. So wie unlängst bei einem Konflikt mit „Islamkritikern“.

Also: Was an gesellschaftlicher Debatte auf die Kommunikationsprofis zukommt, ist mindestens so produktiv wie bedrohlich. Auch wenn die aktuelle Diskussion des paradoxen Berufes Journalismus keine neuen Fragen aufwirft, werden die Machtverhältnisse sich durch die  Glaubwürdigkeitskrise verändern. Relotius war der berühmte Tropfen ins übervolle Fass.

Wie die Sache ausgeht, hängt nun ganz wesentlich davon ab, wer mitredet. Bleiben es die Großjournalisten/innen auf der Kommandobrücke? Oder mischen sich die Zigtausende aus dem „Maschinenraum“ der Medien mit ein? Wer noch?

Journalistisch handeln und  Journalismus verhandeln. 2019 wird sicherlich doppelt anstrengend.

 

Kommentare

  1. Danke für den Beitrag!
    Wie skizziert ist die Bandbreite der Interpretationen groß und der Fall sehr außergewöhnlich, genau deshalb mache ich mir Sorgen, dass nichts passieren wird. Dabei wäre es schon ein Anfang, den amerikanischen Standards bei Dingen wie Quellenangabe, Umstände des Zitats etc. zu folgen (von Transparenz-Ideen wie Beipackzetteln gar nicht zu reden, und „Komplexität“ als Thema jetzt mal ausgeklammert).
    Aber der Reformwunsch in der Branche ist sehr gering. Die fortgesetzte Integration der Online-Redaktionen in die Legacy-Abteilungen kann nur unter ganz besonderen Umständen ein Bewusstsein hervorbringen, dass eine horizontale und vernetzte Medienwelt ganz andere Strategien erfordern könnte. Und ehrlich gesagt fehlte es dann inzwischen oft auch an Mitteln und Menschen, das umzusetzen.

    • Danke für die Antwort!

      Kann ich alles verstehen, zumal Sie näher an der Paxis zu sein scheinen als ich. Dennoch: Ihr Tenor ist mir zu pessimistisch prophetisch. Ich kann aus eigener Wahrnehmung nur sagen, dass der „Reformwunsch“ bei den Etablierten, beispielsweise den Öffentlich-Rechtlichen, enorm ist. Allen ist klar, dass die reine Behauptung von Professionalität und Objektivität nicht mehr lange reichen wird. Es stimmt allerdings auch, dass man gern eine Reform hätte, bei der sich nicht allzu viel ändert. Das ist aber eher ein Trägheitseffekt bei den aktuellen Entscheidungsträgern. Sehr verständlich, wäre mir auch lieber, ais Altersgründen.

      Der nachwachsenden Journalisten/innen-Generation traue ich eine ganz andere, quasi wissenschaftliche Mentalität bei der Absicherung von Recherchen zu. Außerdem werden wir in den nächsten Jahren eine existenzielle, immer härtere Diskussion um Wert und Kriterien der journalistischen Medien für die Gesellschaft bekommen. Deren Ausgang ist m.E. völlig offen. Wir haben hierzulande derzeit jedenfalls noch eine Nachkriegsordnung, ein publizistisches Museum, ökonomisch und ideell. Da gibt es enormen Handlungsdruck.

      „Transparenz“ u.ä. halte ich übrigens wirklich nicht für Wunderwaffen, sondern für Instrumente. Letztlich wird es darauf ankommen, wie man journalistische Erfahrung und digitale Innovation richtig abmischt. Claas Relotius hat uns nochmal drastisch vor Augen geführt, wie leicht sich ein überkommene Qualitätssicherung austricksen lässt. Diese Störanfälligkeit wird sich weder der Spiegel noch irgendein anderes Qualitätsmedium auf Dauer leisten können. Amen.

  2. Danke für die Erläuterungen! Nun, ich bin tatsächlich hin- und hergerissen. Einerseits hoffe ich wirklich, dass die von Ihnen beschriebene Orientierung verbreitet ist und sich durchsetzt. Andererseits trifft das auf organisationspsychologische und strukturelle Realitäten, die ich doch markenunabhängig als sehr komplex und auch konservativ wahrnehme.
    Und wenn wir vom publizistischen Museum reden: Zwei Vorteile aus den Risikokapital-Investitionen in neue US-Medien (obwohl sie auf falschen Skalen-Annahmen fußten und die Debatte hier drüben weiter weg vom Lokalen „nationalisiert“ haben) war, dass a) eine junge Journalisten-Generation gemeinsam mit etablierten Medienmenschen an etwas Neuem arbeiten konnte b) die bekannten Marken herausgefordert wurden, sich damit auseinanderzusetzen. Das fehlt in Deutschland fast völlig. Wie auch immer, ich freue mich auf Bewegung und hoffe, dass meine Skepsis widerlegt wird und das in eine gute Richtung geht.

  3. Nebbich meint:

    Nicht etwa ihre kulturellen Aktvitäten, sondern erst ihr Scheitern hat mir die Herren Dieter Wedel, Daniel Küblböck und nun eben Claas R. überhaupt bekannt gemacht. Und daß ich diese drei aus dem Topf ziehen muß, in den sie auch gehören, kratzt wahrscheinlich sehr am Mythos: der Kaiser ist nicht nur nackt – der Kaiser des bürgl. Jounalismus war von jeher recht dürftig bekleidet.
    Und daß sie der nachwachsenden Journalisten/innen-Generation eine ganz andere, quasi wissenschaftliche Mentalität zutrauen, ehrt sie natürlich sehr – nachvollziehbar bzw. vorhersehbar erscheint es mir nicht…

    • Danke für den Kommentar. Interessante Trias, die Sie da zusammengestellt haben. Die Frage zu beantworten, wie wir (wen) wahrnehmen, würde wohl jegliche Kommentarspalte sprengen. Aber ich kann Ihre Skepsis gegenüber unserem Beruf verstehen. Oft kommen wir Medienleute sehr vollmundig daher. Gerade dann ist Misstrauen anzuraten. Ich denke andererseits oft an die 40 bis 60 Tausend anderen Kolleginnen und Kollegen hierzulande,die teilweise einen sehr anständigen Job machen. Tja, und die nachwachsende Generation: Manchmal darf ich ihr in Lehrveranstaltungen begegnen. Das macht schon Mut. So düster wird die Zukunft nicht …

      • Ich habe weniger Skepsis gegenüber Ihrem Beruf (und erst recht keine Zweifel an der Höhe der Ansprüche der Nachwachsenden) – wenn die 4. Gewalt jedoch den Gesetzen des Marktes zu folgen hat, hört sie auf, das Korrektiv zu sein, für das sie sich gern ausgibt…

        • Verstehe. Mein Ansatz ist grundsätzlich weniger kategorial. Oder anders ausgedrückt: Wenn Journalismus ausschließlich den Gesetzen des Marktes folgt, wird er tatsächlich seinen Aufgaben nicht mehr gerecht. Ganz entziehen kann er sich Systemzwängen aber nicht. Deshalb zitiere ich den erfahrenen Medienwissenschaftler Weischenberg so gern, wenn er von der „eingebauten Schizophrenie“ dieses Berufes schreibt. Den Widerspruch zwischen Gemeinwohlorientierung und Eigennutz muss jede/r letztlich in sich ausgleichen. Aus der (westlichen) Welt schaffen lässt sich das Problem m. E. nicht.

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