Sind die Journalismus-Retter zu retten?

 

Museumsobjekt Medien (Biennale Venedig 2015)

Museumsobjekt Medien (Biennale Venedig 2015)

Da half selbst der Urlaubsabstand nicht: Die große Sinnfrage der Medien blieb mir erhalten: „Alles Lügen?“ titelt gerade ein Leitmedium. Reif ist nicht nur die ZEIT: Wenn die Gefahr besteht, eine ganze Branche kaputt zu reden, sollte vielleicht ein Experiment verlängert werden, das verspricht, den Journalismus zu reparieren: „Krautreporter„. Hier mein zwielichtiges Bekenner-Schreiben.

Die Ruf der Medienmenschen bröckelt. Jedes bedeutende Thema wird zum Glaubwürdigkeitstest. Aktuell geht es um die Eurokrise und die These, ob Journalisten hierzulande Griechenland einseitig und unbegründet für durchgeknallt erklären.

Mir persönlich würde es helfen, wenn wir den Befund „Medien haben versagt“ einfach grundsätzlich immer mitdenken könnten. Sozusagen vor die Klammer ziehen. Denn diese Aussage galt schon immer und wird weiter gültig bleiben, fürchte ich. Über die Demokratie und die Politik wird ja ähnlich geurteilt.

Wenn wir jedenfalls die generelle Unzulänglichkeit von Medien anerkennen (nicht: gut heißen!) würden, dann könnten wir darüber nachdenken, wo sich im Einzelnen doch etwas verbessern ließe. Ich gebe lieber gleich zu, dass das anstrengender ist als Pauschalurteile zu fällen.

Im verlinkten ZEIT-Artikel (oben) lesen wir ja einige Ansätze. Entscheidend für mich sind darüber hinaus zwei Grundsätze:

1. Wenn wir die gegenwärtigen Lösungen, nennen wir sie mal „Altmedien“, verwerfen, dann bleibt immer noch das Problem: Eine Öffentlichkeit herstellen, die unserer Gesellschaft eine konstruktives Selbstgespräch ermöglicht.

2. Wenn das Publikum den Journalisten, also ihren Facharbeitern für Massenkommunikation, das Vertrauen entzieht, dann fällt die Verantwortung an die Nutzer zurück. Sie müssen sich um Alternativen kümmern.

Eine wichtige Konsequenz aus dieser doppelten Aufgabenstellung haben vor einem Jahr die „Krautreporter“ gezogen. Sie erbaten per Crowdfunding die Finanzierung ihrer Version des Journalismus der Zukunft.

Über die Formulierung wurde viel gestritten, aber eigentlich beschreibt ihr Versprechen ein ehrenwertes Ziel: Den kaputten (Online-) Journalismus reparieren. Klingt immerhin besser als: kaputt reden.

Was daraus wurde, hat manche enttäuscht. Die meisten der 19.000 Abonnenten äußern sich übrigens nicht. Weil es jetzt um die Verlängerung der Finanzierung geht, kursieren jedoch  in der Branchen-Blase derzeit manche Bekennerschreiben: Pro und Contra.
Interessant war dabei die Frage, die in einem kleinen Twitter-Dialog aufgeworfen wurde:

Diese Frage greife ich für mein Bekenntnis auf: Mein Abonnement werde ich nicht kündigen, denn für mich ist das Experiment dieser alternativen Medienform keineswegs abgeschlossen. Gerade die Ernüchterung, die Konfrontation mit den Mühen der Ebene, bildet den Ausgangspunkt für tatsächlichen Fortschritt in der Sache. Oder besser: in der Diskussion der Sache.

Nach dem Bekenntnis ein Geständnis: Tatsächlich interessiert mich bei den Krautreportern der Prozess mehr als das Produkt. Nicht alles, was KR produzieren, fesselt mich und nicht alles, was mich fesseln könnte, schaffe ich überhaupt zu lesen. Kommentare und Podcast in eigener Sache sind für mich aber immer höchst aufschlussreich.

Denn es offenbaren sich die Möglichkeiten und Grenzen eines Journalismus im kritischen Publikumsdialog bei allem, was Krautreporter machen. Dazu gehören vor allem die wechselseitigen Pflicht- und Schuld-Zuweisungen in der Community. Haben die KR die enormen Ansprüche nicht erfüllt oder wäre das auch zu viel verlangt?

Wenn es nur um ein Geschäft ginge, kann der Kunde die unzuverlässigen Lieferanten einfach ent-folgen. Aber war da nicht mehr? Mehr unabhängigen, partizipativen, modernen Journalismus wagen? Einen Laborbetrieb?

Krautreporter sind, relativ unabhängig von ihren einzelnen Geschichten, wichtiger Teil der Verhandlung eines Strukturwandels der Öffentlichkeit. Schwer zu bemessen, wie groß dieser Einfluss sein wird. Aber nach meinem Eindruck genießt das Projekt in der Medienbranche – und darüber hinaus – erhebliche Aufmerksamkeit.

Die digital vernetzte Welt ist jedenfalls ein Raum ständiger wechselseitiger Beobachtung. Für einen Medien-Spanner wie mich gibt es derzeit kaum interessantere Orte als KR. Eine etwas anrüchige Motivation, zugegeben.

Aber selbst mein Geld stinkt nicht.

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  1. […] erleben wir das beim Leitstern “Krautreporter”. Dort haben sich Profis und Engagierte zusammengefunden, um den Online-Journalismus zu retten. Mehr […]

  2. […] für Menschen wie mich ein unbezahlbares Anschauungsojekt für Medienwandelforschung ist (hier, hier oder hier), ist der wirtschaftliche Überlebenskampf hart. Erkenntnisgewinn bedeutet noch […]

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