Tod und Venedig

Erleuchtung für die, Erlösung

Erleuchtung für die, Erlösung

In Venedig geht es aufs Ende zu. Frühwinterliche Kälte kriecht in die Stadt. Dazu kommt die Trauer um ein Terroropfer. Die Biennale-Stätten haben gerade ihre Tore geschlossen und die Einheimischen das letzte lokale Fest des Jahres gefeiert, Salute. Ein  Stimmungsbericht der vergangenen Tage zwischen Visionen und Votivkerzen.

All the world´s futures – das Motto der größten Kunstausstellung der Welt sollte einen kreativen Blick in die Zukunft dieses Planeten öffnen. Zumindest mir wurde jedoch immer wieder die Sicht versperrt, vom allgegenwärtigen, aktuellen globalen Elend. Aber vielleicht war das ja durchaus im Sinne des Kurators Okwui Enwezor, der diese 56. Biennale politisiert hatte.

Wobei , was theoretisch konzipiert war, manchmal praktisch recht kompliziert geriet. Nur zwei Wochen lang ermöglichte das provokante Projekt des Schweizers Christoph Büchel eine Begegnung mit dem Islam in einer säkularisierten Kirche. Nachdem das Kunstobjekt zum tatsächlichen Gebetsraum örtlicher Muslimen wurde, untersagte die Behörde diese „Zweck-Entfremdung“. Schade. Bezeichnend.

Vor allem die Themen Fremdheit und Flucht legten sich als Filter über meine Wahrnehmung. An einem universellen Schauplatz wie Venedig kann sich ein Besucher dieser Reflexion auch kaum entziehen. Den Rest besorgt die Regionalpresse. Noch bevor Frau Merkel das große Willkommens-Signal aussandte, brachte der Gazzettino alarmierende Berichte unter dem Serientitel Emergenza profughi. Auf dem Lido gab es massive Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte.

Venedig mag für viele ein Sehnsuchtsort sein. Als Fluchtpunkt aus der gesellschaftlichen Realität taugt die Stadt allerdings nicht (mehr). Im Gegenteil: Sämtliche gesellschaftlichen Probleme stehen hier überdeutlich auf der Agenda, liegen wie unter einem Brennglas.

Wer beispielsweise etwas über Staatsversagen und Korruption in Demokratien lernen will, werfe nur einen Blick auf den Zustand der hiesigen Kommunalverwaltung. Erst seit kurzem hat Venedig überhaupt erst wieder eine eigene Regierung. Nachdem 2014 ein Korruptionsskandal um das Lagunen-Sperrwerk M.O.S.E. die alten Regenten weggefegt hat, zum Teil ins Gefängnis. Bestechung, Mafia – alles da.

Auch der Zielkonflikt zwischen Gewinnstreben und Nachhaltigkeit kommt selten besser auf den Punkt als bei der Frage der Riesen-Kreuzfahrtschiffe: Arbeitsplätze und Einnahmen versus Umweltschutz und Lebensqualität.

Und schließlich hat der Terror von Paris hat die Stadt  unmittelbar getroffen. Unter den Opfer im Konzerthaus Bataclan ist auch eine junge Venezianerin, Valeria Solelsin, 28 Jahre alt. Die Trauer um sie prägt die Atmosphäre in der Lagune sehr, nicht nur in den medialen Schlagzeilen. Es wird viel gebetet.

Dabei bieten Traditionen Halt und Ort in einem Gemeinwesen mit Hundert Kirchen. Einmal im Jahr, am 21. November, wird zudem eine Behelfsbrücke über den Canal Grande geschlagen, für die Prozession zur Kirche Santa Maria della Salute. Unter deren imposanter Kuppel feiern die Menschen dann das Ende der letzten Pest-Epedemie vor 400 Jahren.

Gleichzeitig widmen sie Fürbitten und Votiv-Kerzen der Abwehr einer neuen Geißel der Menschheit: Terrorismus. Besorgte Gesichter im würdigen Rummel der Salute-Kirche – die Furcht vor realer Gewalt und vor einer Militarisierung des Alltags steht in ihnen geschrieben.

Tod und Venedig – Wo können wir über das Existenzielle besser nachdenken als hier? Vergänglichkeit spüren, nahe am Untergang. Aber auch das Überleben üben. Rettende Einfälle in der Not, dafür ist diese Stadt nach menschlichem Maß  berühmt bis berüchtigt.

Schon die Kirche Santa Maria della Salute wirkt wie eine bauliche Trotzreaktion. Der Physik und der Natur abgerungem, auf eine Million Baumstämme im Wasser gegründet und statisch von geschickt gemogelter Statur. So lässt sich Paradoxie in Perspektive wandeln.

Der große Wurf war die 56. Ausgabe vielleicht nicht, aber zumindest das Motto der Biennale war gut gewählt: All the worlds futures . Denn in Venedig wohnt den Gedanken ans Ende doch stets ein Zauber inne. Es muss, kann und es wird weitergehen.

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