Medienkompetenz-Wirrwarr

Falschmeldungen, Hass-Kommentare, Propaganda-Terror – und dann noch der ganz normale digitale Wahnsinn. Keine Frage, wir brauchen alle mehr Medienkompetenz. Doch wo beginnen? Am besten in der Schule, zuhause und am Arbeitsplatz. Wann? Jetzt gleich!

Es gibt wohl kein Entkommen. Die Schleusen sind offen und die eigene Timeline wird geflutet. Zum Beispiel mit einem Facebook-Post (s. unten). Ich habe den Verfasser weg gelassen, ebenso die FB-Freundin, die „Gefällt mir“ geklickt hatte, weshalb die Sache wiederum in meinen Sichtbereich schwappte.

Es geht um die Demonstrationen, die am Wochenende in verschiedenen Städten von Russland-Deutschen organisiert worden waren. Auch in Bremen und Bremerhaven. Die Community bezog sich auf den Fall der angeblichen Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens „durch Araber“. Eine in jeder Hinsicht hochsensible Sache. Und sie ist in alle erdenklichen Richtungen eskaliert.

Auf meiner FB-Timeline so:

FB Linker Rassismus.2016

Wer den Fernsehbeitrag ansieht, wird sich die Augen reiben. Er ist nüchtern, lässt Demonstranten und Gegendemonstranten zu Wort kommen. „Linker Rassismus“, weil die Organsiatoren so genannt werden, wie sie selbst es tun? Angesichts einer Demonstration, deren Ursache sehr unklar ist? Schwer nachzuvollziehen.

Der Colt sitzt jedenfalls locker bei Teilen des Publikums, was man auch den harten Kommentaren unter dem zitierten Facebook-Post zu den Demos entnehmen kann. Tenor: Diese System-Medien vernebeln die Flüchtlingskriminalität und sind sowieso immer gegen Putin!

Nun verallgemeinere ich auch mal: Diese kleine Beobachtung ist typisch für das, was ich seit Eröffnung dieses Blogs (2013) immer stärker wahrnehme (und etwa bei dieser Gelegenheit näher beschrieben habe): Die Vermischung von Themen- und Systemfragen. Bei jedem größeren öffentlichen Streit steht sofort der Journalismus an sich infrage oder wird gleich in die Lügenpresse gequetscht.

Dementsprechend fehlt es auch nicht an Diskussionen, an Medienalternativen und alternativen Medien. An Medienverdruss oder an Medienkritik. An Leuten, die glauben es besser zu machen oder besser zu wissen. Sogar fundierte Medienkritik-Kritik ist derzeit zu lesen.

Wenn wir allerdings ehrlich sind, dann müssen wir festhalten: Es herrscht Medienkompetenz-Wirrwarr. Was vielleicht auch mit dem pädagogisch grundierten Begriff zusammenhängt, unter dem man viel verstehen kann.

Einen guten Medienkompetenz-Mindest-Standard nennt Helga Theunert:

Sachkompetenz (das Wissen über die Medien)
Rezeptionskompetenz (die Fähigkeit, Medien kritisch zu nutzen)
Partizipationskompetenz (die Fähigkeit, Medien selbstbestimmt zu produzieren).

Zum einen geht es also um die Fähigkeit, Medien zu verstehen, zu hinterfragen und zu nutzen. Publikumskompetenz. Auf der anderen Seite um die Möglichkeit, Öffentlichkeit für seine Belange überhaupt erst mal herzustellen. Publikationskompetenz.

Erst ab letzterem Punkt kann man wohl von jener kommunikativen Emanzipation sprechen, von der Bertold Brecht geträumt haben dürfte: Jeder Empfänger ein Sender. Mit der digitalen Vernetzung schien die Demokratisierung der Medien tatsächlich gekommen.

Nur leider ist das Gegenteil genauso richtig.

Man muss das vorsichtig formulieren, um nicht in eine der allgegenwärtigen Polarisierungsfallen zu tappen: Ja, die digitale Vernetzung ist eine ganz wesentliche Ursache für unsere mediale Überforderung. Und: Nein, das Internet ist nicht schuld an der aggressiven Stimmung. Es offenbart sie nur.

Denn die Pointe der Entwicklung liegt in einer ziemlich banalen, aber höchst wirkungsvollen Erkenntnis. Diese lässt sich auf zwei zentrale Kennzeichen des digitalen Wandels reduzieren: Mehr und schneller.

Wir stehen als – nunmehr globale – Gesellschaft vor der entscheidenden Aufgabe, diese Kommunikationsexplosion zu bewältigen. Den reißenden Strom unüberschauberer „Informations-“ Massen. Heißt:  Positive und negative Energie zu identifizieren und zu kanalisieren.

Die Lösung ergibt sich nicht von selbst, wie Netz-Euphoriker, behaupten. Sei es aus Verblendung oder Machtgier. Auf der anderen Seite taugen die althergebrachten Regeln nicht automatisch. Wie Kulturpessimisten anmerken, sei es aus Angst oder Besitzstandskalkül.

Wir müssen jetzt gesellschaftliche Medienkompetenz neu aufsetzen. Dazu vier  Vorschläge in der beliebten Auflistungsform:

1. Erarbeiten statt Belehren:

Konkret bedeutet dies, die Lebens-Erfahrung der Alten und User-Experience der Jungen kombinieren, als gegenseitiges Lernen.

2. Bewusstsein erweitern statt Horizont begrenzen:

Heißt: Kulturpessimismus und Digitaloptimismus nicht als Rahmen setzen. Oder Technikfatalismus betreiben. Also weder ausschließlich die Jugend vor Schund und Gleichgewichtsstörungen bewahren wollen noch über die Freude an der Tool-Nutzung die Frage nach dem Sinn zu vergessen.

3. Differenzieren statt diffamieren:

Tatsächlich, ihre Medienkompetenz müssen beide erweitern – Profis und Laien. Sie kommen sich nun, entwicklungsbedingt, näher, ohne dass allerdings die Rollen völlig verschwimmen. In jedem Fall sollte wechselseitig Respekt herrschen.

4. Gemeinsam Verantwortung übernehmen:

Ein großer Teil des derzeitigen Timeline-Terrors resultiert aus unbedachter User-Haltung. Neben dem Desinteresse der Plattformen oder der Überforderung von Behörden. Es kann bequem sein, sich unachtsam und ohne Bewusstsein für das allgegenwärtige Öffentlichkeitsrisiko durchs Digitale zu liken oder zu sharen. Trotzdem bleiben die wenigsten Kommunikationsakte ohne Folgen.

Anfang 2016 stehen wir an einem mediengeschichtlich wichtigen Punkt. Während die Gesellschaft langsam die Kontrolle über ihre Kommunikation zu verlieren scheint, muss sie einen neuen Umgang mit Medien verhandeln.

Das wird aber kein runder Tisch mit Frank-Walter Steinmeier und anschließendem gesetzten Essen. Sondern ein ordentliches Stück Arbeit im und am Alltag. Pflichtfach im Schulunterricht. Und dann: Lebenslanges Lernen.

Aber das schaffen wir schon … irgendwie.

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  1. […] Mediale Kompetenz also ist für mich die entscheidende Antwort auf die Frage nach dem Überleben im medialen Darwinismus. […]

  2. […] weil der Begriff so bedeutend und weitreichend ist, wirkt die Debatte um Medienkompetenz oft diffus und abstrakt. Vielleicht lässt sich das verbessern. In einer lockeren […]

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